Samstag, 11. Februar 2017

Dr. Thomas Speck - ein Vermittler zwischen Klinik und Niederlassung



Zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie hat ein Niedergelassener Sitz und Stimme im Vorstand der Fachgesellschaft inne. Nach einer Satzungsänderung wurde der Berliner Urologe Dr. Thomas Speck im September 2016 für drei Jahre gewählt. In meiner Funktion als Chefredakteur von UroForum sprach ich mit ihm über seine neue Rolle und die Ziele seiner Arbeit im DGU-Vorstand.


Herr Dr. Speck, wie haben Sie Ihren Start im Vorstand der DGU erlebt?
Speck: In der DGU-Mitgliederversammlung 2015 wurde der Vorschlag gemacht, den Vorstand um einen niedergelassenen Urologen oder eine Urologin zu erweitern. Der DGU-Vorstand hat diesen Vorschlag aufgenommen und schon ein Jahr später 2016 in Leipzig um­gesetzt. Das war ein sehr wichtiges Signal. Allerdings mussten die Mitglieder dazu die Satzung ändern, denn die alte Satzung sah kein solches Vorstandsamt für einen Niedergelassenen vor. Die DGU-Mitgliederversammlung hat dieser Satzungsänderung bei wenigen Gegenstimmen zugestimmt. Das Ziel besteht darin, die Belange der niedergelassenen Uro­logen stärker in die Vorstandsarbeit zu integrieren. So wurde ich von Beginn an wertschätzend und achtungsvoll aufgenommen.

Wie schätzen Sie die noch immer ­vorhandene Mauer zwischen den beiden Versorgungsstrukturen ein?
Speck: Es ist sehr wichtig, die Schranken zwischen Klinik und Niederlassung einzureißen. In Berlin haben wir sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit gemacht. Anderenorts sind diese Schranken vielleicht höher. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb ist es wichtig, die scheinbare Trennung des „Kliniker-Verbands DGU“ und des „Niedergelassenen-Verbands BDU“ zu überwinden. Sie spiegelt nicht mehr die berufliche Realität wider. Immerhin sind mittlerweile auch in der DGU 50 % niedergelassene Mitglieder organisiert. Auf der anderen Seite gibt es im Berufsverband angestellte Ärzte in Praxen sowie Klinikärzte, die sich durch den Berufsverband durchaus vertreten sehen. Insofern sind die Grenzen ohnehin verwischt. Das Entscheidende dabei ist die gemeinsame Sprache, die den Interessensverbänden der deutschen Urologen Stimme und Respekt verleiht. Wir werden die Aufgaben in Gegenwart und Zukunft nicht lösen, ohne eine solche eindeutige und gemeinsame Sprache zu finden.


Warum harmonieren Klinik und Niederlassung in Berlin besser?
Speck: In Berlin gibt es eine gute Tradition der Zusammenarbeit zwischen stationärer und ambulanter Urologie. Als ich 2008 Präsident der Berliner Urologischen Gesellschaft wurde, war ein Niedergelassener in diesem Amt ein Novum. Wir führten regelmäßige Konsultationstreffen ein („Berliner Elefantenrunde“ – bestehend aus allen Berliner Chefärzten, dem BDU-Landesvorsitzenden, dem urologischen Ärztekammermitglied und weiteren urologischen Interessenvertretungen, auf Einladung des BUG-Präsidenten, Anm. d. Red.) und  haben es grundsätzlich erreicht, Probleme gemeinsam zu besprechen und auf eine kameradschaftliche Weise zu lösen. Alle ziehen in Berlin an einem Strang. Das gilt vor allem für berufspolitische Belange und die Vertretung der Fachgruppe in Landespolitik und Ärztekammer.

Welche Werte sind Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig?
Speck: Gegenseitige Achtung und Vertrauen. Ohne diese Werte funktioniert die intersektorale Kooperation innerhalb der Fachgruppe nicht. Es ist unser gemeinsamer Auftrag, die Pa­tienten urologisch zu versorgen. Da muss es Hand in Hand gehen und jeder hat seine Kernkompetenzen und Aufgaben. Immer dann, wenn diese Verzahnung fachlich und menschlich gut funktioniert, werden wir die uns anvertrauten Patienten in hoher Qualität betreuen.


Welches Thema brennt Ihnen ­besonders auf den Nägeln?
Speck: Ich möchte gerne die Wissenschaft aus der DGU in die Niederlassung tragen und die Teilhabe der Niederlassung an der Wissenschaft verstärken. Ein großes Thema ist dabei die Versorgungsforschung. Die ambulanten Versorgungsdaten in der Urologie werden viel zu wenig genutzt. Dazu braucht es vernünftige Strukturen und sehr viel Engagement. Ein gutes Beispiel für eine von niedergelassenen Urologen zusammen mit klinischen Radiologen in Berlin angestoßene Versorgungsstudie ist ProKOMB zur Bewertung des multiparametrischen MRT in der primären Prostatakarzinom-dia­gnostik. Seit Anfang Oktober wurden bereits mehr als 220 von insgesamt 600 Pa­tienten für diese Studie rekrutiert.


Wie sieht ihre Rolle in der DGU-­Vorstandsarbeit konkret aus?
Speck: Das bislang durch Prof. Jan Roigas vertretene DGU-Ressort für Wissenschaft und Praxis wird um meine Person erweitert. Dabei geht es weniger um eine Aufteilung in die beiden Bereiche Wissenschaft und Praxis, vielmehr kümmern sich zukünftig zwei Urologen  gemeinsam um dieses Ressort. Eine  weitaus bessere Verzahnung von stationärer und ambulanter Urologie wird auf diese Weise im DGU-Vorstand möglich. Die Anliegen der Niederlassung können dadurch harmonisch in die Arbeit des DGU-Vorstands eingebunden werden – und ebenso wird es gelingen, die DGU für uns Niedergelassene attraktiver zu machen.

Welche Felder sind Ihnen bei der ­Zusammenarbeit zwischen den urologischen Verbänden besonders wichtig?
Speck: Viel Aufmerksamkeit werden die neue GOÄ und die Unterstützung der Öffentlichkeitsarbeit erfordern. Ich selbst verstehe mich in diesen Fragen als Vermittler. Die Zusammenarbeit zwischen DGU und BDU war in letzter Zeit nicht immer störungsfrei.  Aber ich vertraue darauf, dass sich die Kooperation in die richtige Richtung bewegen wird und dass die Gesellschaften re­spektvoll und inhaltlich geeint mit­einander umgehen. So werden wir auch nach außen als eine einheitliche, starke und vor allem verlässliche Fachgruppe wahrgenommen.


Sehen Sie sich als der BDU-Vertreter im DGU-Vorstand?
Speck: Nein, sicherlich nicht. Ich war ja viele Jahre lang Vorstand im Ber­liner BDU-Landesverband und kenne Dr. Axel Schroeder seit Langem. Ich habe sowohl die Stimme des BDU-Präsidiums als auch das Vertrauen des Vorstands der DGU. Daraus erwächst eine Chance zur Verzahnung  zwischen den Verbänden. Mein Vorstandsamt ersetzt jedoch in keiner Weise den Berufsverband und auch nicht dessen Mandatsträger.


Wo werden die Schwerpunkte Ihrer DGU-Arbeit liegen?
Speck: Ein Schwerpunkt ist die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV). Das ist ein Thema, das mehr auf die Interessen der Niedergelassenen zugeschnitten ist. Dort steht 2017 das Modul der urologischen Tumoren zur Bearbeitung an.

Als Berliner Urologe werden Ihnen sicher die Fragen der zukünftigen Weiterbildungsordnung am Herzen liegen?
Speck: Ganz sicher sogar! Dabei interessieren mich natürlich vorrangig die Themen der urologischen Niederlassung. Hier bringt sich der Berufsverband maßgeblich ein. Die längste Zeit der Weiterbildung wird in den Kliniken abgeleistet. Natürlich müssen wir hier überlegen, ob bestimmte Zusatzweiterbildungen in die Musterweiterbildungsordnung, also in das Kernkapitel, gehören. Dazu zählt die medikamentöse Tumortherapie. Es geht aber auch um die zukünftige Rolle der MRT-Bildgebung in der Weiterbildung. Möglicherweise werden die nächsten Leitlinien die MRT-Untersuchung schon vor eine Prostatabiopsie rücken. Deshalb ist es wichtig, dass jeder Urologe MRT-Bilder interpretieren kann. Sicher wird nicht jeder Urologe ein MRT-Gerät anschaffen, doch zumindest die Kenntnisse zur MRT-Beurteilung sollten allgemein vorhanden sein. Das muss dann in der Weiterbildungsordnung – anders als bisher – verankert werden und natürlich ist ein kollegialer Diskurs mit den Radiologen zu führen.

Welche Weiterbildungsthemen sind Ihnen sonst wichtig?
Speck: Wie in Berlin sollten medikamentöse Tumortherapie, fachgebundene Labordiagnostik und fachgebundene Radiologie keine Zusatzweiterbildungen sein, sondern Elemente des Kernkapitels Urologie. Die Frage ist, ob man dann mit der Weiterbildungs­befugnis der niedergelassenen Urologen mit einem Jahr Weiterbildung auskommt oder ob man die Weiterbildungsbefugnis auf 18 Monate verlängert. Die vergleichbare Fachrichtung Gynäkologie hat beispielsweise eine ambulante Weiterbildungsbefugnis von 24 Monaten in der MwbO verankert. Im Rahmen der Verbund-Weiterbildung werden die Niedergelassenen in Zukunft sicherlich eine andere Rolle in der Weiterbildung spielen. Dabei steht die medikamentöse Tumortherapie im Zentrum der Betrachtung. Wir reden aber auch über kleinere Operationen, die im Operationskatalog der Kliniken im Rahmen der Weiterbildung nicht zu bewältigen sind. Ich denke da an Vasektomien oder Zirkumzisionen sowie Eingriffe am Hoden. Es geht nicht um große Operationen und nicht darum, den Kliniken etwas abzugraben. Vielmehr geht es um eine kluge Ergänzung sowie die realistische Abbildung des Tagesgeschäfts. In diesen Fragen gibt es bestimmt unterschiedliche Auffassungen, die eine konstruktive  Diskussion anregen.

Werden Sie sich auch um die digitale Medizin kümmern?
Speck: Ja, ein brandaktuelles Feld. Da geht es um die Nutzung von Apps für Patienten und Urologen. Daraus ­werden sich inte­ressante Versorgungs­daten ergeben. Urologische Pa­tien­ten könnten diese Apps nutzen und dazu beitragen, dass ihre Behandlungsdaten in die Praxissysteme zurückgespielt und dort ausgewertet werden. Solche Datensammlungen erlauben schließllich strukturierte Ergebnisrecherchen. Anamnestische Fragebögen sind mit elek­tronischen Mitteln ganz anders auswertbar. Beispielsweise  kann es um die Frage gehen, wie sich ein Symptom in Laufe einer medikamentösen Therapie entwickelt.


Was halten Sie von Videokonferenzen und Videosprechstunden?
Speck: Das ist die Medizin der Zukunft, keine Frage. Dafür müssen natürlich alle Belange des Datenschutzes beantwortet und die elektronischen Verfahren standardisiert und qualitätsgeprüft sein. Ich habe kein Verständnis dafür, dass die elektronische Durchdringung des Gesundheitssystems sowie der Austausch von intersektoralen Daten so schleppend vo­rankommt. Hier muss viel mehr geschehen!  
(Franz-Günter Runkel sprach mit Dr. Thomas Speck)

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