Zum ersten
Mal in der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie hat ein
Niedergelassener Sitz und Stimme im Vorstand der Fachgesellschaft inne. Nach
einer Satzungsänderung wurde der Berliner Urologe Dr. Thomas Speck im September
2016 für drei Jahre gewählt. In meiner Funktion als Chefredakteur von UroForum sprach ich mit ihm über seine neue Rolle
und die Ziele seiner Arbeit im DGU-Vorstand.
Herr Dr.
Speck, wie haben Sie Ihren Start im Vorstand der DGU erlebt?
Speck: In der DGU-Mitgliederversammlung 2015 wurde der Vorschlag gemacht,
den Vorstand um einen niedergelassenen Urologen oder eine Urologin zu
erweitern. Der DGU-Vorstand hat diesen Vorschlag aufgenommen und schon ein Jahr
später 2016 in Leipzig umgesetzt. Das war ein sehr wichtiges Signal.
Allerdings mussten die Mitglieder dazu die Satzung ändern, denn die alte
Satzung sah kein solches Vorstandsamt für einen Niedergelassenen vor. Die
DGU-Mitgliederversammlung hat dieser Satzungsänderung bei wenigen Gegenstimmen
zugestimmt. Das Ziel besteht darin, die Belange der niedergelassenen Urologen
stärker in die Vorstandsarbeit zu integrieren. So wurde ich von Beginn an
wertschätzend und achtungsvoll aufgenommen.
Wie schätzen
Sie die noch immer vorhandene Mauer zwischen den beiden Versorgungsstrukturen
ein?
Speck: Es ist sehr wichtig, die Schranken zwischen Klinik und
Niederlassung einzureißen. In Berlin haben wir sehr gute Erfahrungen in der
Zusammenarbeit gemacht. Anderenorts sind diese Schranken vielleicht höher. Das
ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb ist es wichtig, die scheinbare Trennung des
„Kliniker-Verbands DGU“ und des „Niedergelassenen-Verbands BDU“ zu überwinden.
Sie spiegelt nicht mehr die berufliche Realität wider. Immerhin sind
mittlerweile auch in der DGU 50 % niedergelassene Mitglieder organisiert. Auf
der anderen Seite gibt es im Berufsverband angestellte Ärzte in Praxen sowie
Klinikärzte, die sich durch den Berufsverband durchaus vertreten sehen.
Insofern sind die Grenzen ohnehin verwischt. Das Entscheidende dabei ist die
gemeinsame Sprache, die den Interessensverbänden der deutschen Urologen Stimme
und Respekt verleiht. Wir werden die Aufgaben in Gegenwart und Zukunft nicht
lösen, ohne eine solche eindeutige und gemeinsame Sprache zu finden.
Warum
harmonieren Klinik und Niederlassung in Berlin besser?
Speck: In
Berlin gibt es eine gute Tradition der Zusammenarbeit zwischen stationärer und
ambulanter Urologie. Als ich 2008 Präsident der Berliner Urologischen
Gesellschaft wurde, war ein Niedergelassener in diesem Amt ein Novum. Wir
führten regelmäßige Konsultationstreffen ein („Berliner Elefantenrunde“ –
bestehend aus allen Berliner Chefärzten, dem BDU-Landesvorsitzenden, dem
urologischen Ärztekammermitglied und weiteren urologischen
Interessenvertretungen, auf Einladung des BUG-Präsidenten, Anm. d. Red.) und haben es grundsätzlich erreicht, Probleme
gemeinsam zu besprechen und auf eine kameradschaftliche Weise zu lösen. Alle
ziehen in Berlin an einem Strang. Das gilt vor allem für berufspolitische
Belange und die Vertretung der Fachgruppe in Landespolitik und Ärztekammer.
Welche Werte
sind Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig?
Speck:
Gegenseitige Achtung und Vertrauen. Ohne diese Werte funktioniert die
intersektorale Kooperation innerhalb der Fachgruppe nicht. Es ist unser
gemeinsamer Auftrag, die Patienten urologisch zu versorgen. Da muss es Hand in
Hand gehen und jeder hat seine Kernkompetenzen und Aufgaben. Immer dann, wenn
diese Verzahnung fachlich und menschlich gut funktioniert, werden wir die uns
anvertrauten Patienten in hoher Qualität betreuen.
Welches Thema
brennt Ihnen besonders auf den Nägeln?
Speck: Ich
möchte gerne die Wissenschaft aus der DGU in die Niederlassung tragen und die
Teilhabe der Niederlassung an der Wissenschaft verstärken. Ein großes Thema ist
dabei die Versorgungsforschung. Die ambulanten Versorgungsdaten in der Urologie
werden viel zu wenig genutzt. Dazu braucht es vernünftige Strukturen und sehr
viel Engagement. Ein gutes Beispiel für eine von niedergelassenen Urologen
zusammen mit klinischen Radiologen in Berlin angestoßene Versorgungsstudie ist
ProKOMB zur Bewertung des multiparametrischen MRT in der primären
Prostatakarzinom-diagnostik. Seit Anfang Oktober wurden bereits mehr als 220
von insgesamt 600 Patienten für diese Studie rekrutiert.
Wie sieht
ihre Rolle in der DGU-Vorstandsarbeit konkret aus?
Speck: Das
bislang durch Prof. Jan Roigas vertretene DGU-Ressort für Wissenschaft und
Praxis wird um meine Person erweitert. Dabei geht es weniger um eine Aufteilung
in die beiden Bereiche Wissenschaft und Praxis, vielmehr kümmern sich zukünftig
zwei Urologen gemeinsam um dieses
Ressort. Eine weitaus bessere Verzahnung
von stationärer und ambulanter Urologie wird auf diese Weise im DGU-Vorstand
möglich. Die Anliegen der Niederlassung können dadurch harmonisch in die Arbeit
des DGU-Vorstands eingebunden werden – und ebenso wird es gelingen, die DGU für
uns Niedergelassene attraktiver zu machen.
Welche
Felder sind Ihnen bei der Zusammenarbeit zwischen den urologischen
Verbänden besonders wichtig?
Speck: Viel
Aufmerksamkeit werden die neue GOÄ und die Unterstützung der
Öffentlichkeitsarbeit erfordern. Ich selbst verstehe mich in diesen Fragen als
Vermittler. Die Zusammenarbeit zwischen DGU und BDU war in letzter Zeit nicht
immer störungsfrei. Aber ich vertraue
darauf, dass sich die Kooperation in die richtige Richtung bewegen wird und
dass die Gesellschaften respektvoll und inhaltlich geeint miteinander
umgehen. So werden wir auch nach außen als eine einheitliche, starke und vor
allem verlässliche Fachgruppe wahrgenommen.
Sehen Sie
sich als der BDU-Vertreter im DGU-Vorstand?
Speck: Nein, sicherlich nicht. Ich war ja viele Jahre lang Vorstand im
Berliner BDU-Landesverband und kenne Dr. Axel Schroeder seit Langem. Ich habe
sowohl die Stimme des BDU-Präsidiums als auch das Vertrauen des Vorstands der
DGU. Daraus erwächst eine Chance zur Verzahnung
zwischen den Verbänden. Mein Vorstandsamt ersetzt jedoch in keiner Weise
den Berufsverband und auch nicht dessen Mandatsträger.
Wo werden
die Schwerpunkte Ihrer DGU-Arbeit liegen?
Speck: Ein Schwerpunkt ist die ambulante spezialfachärztliche Versorgung
(ASV). Das ist ein Thema, das mehr auf die Interessen der Niedergelassenen
zugeschnitten ist. Dort steht 2017 das Modul der urologischen Tumoren zur
Bearbeitung an.
Als Berliner
Urologe werden Ihnen sicher die Fragen der zukünftigen Weiterbildungsordnung am
Herzen liegen?
Speck: Ganz sicher sogar! Dabei interessieren mich natürlich vorrangig
die Themen der urologischen Niederlassung. Hier bringt sich der Berufsverband
maßgeblich ein. Die längste Zeit der Weiterbildung wird in den Kliniken
abgeleistet. Natürlich müssen wir hier überlegen, ob bestimmte
Zusatzweiterbildungen in die Musterweiterbildungsordnung, also in das
Kernkapitel, gehören. Dazu zählt die medikamentöse Tumortherapie. Es geht aber
auch um die zukünftige Rolle der MRT-Bildgebung in der Weiterbildung.
Möglicherweise werden die nächsten Leitlinien die MRT-Untersuchung schon vor
eine Prostatabiopsie rücken. Deshalb ist es wichtig, dass jeder Urologe
MRT-Bilder interpretieren kann. Sicher wird nicht jeder Urologe ein MRT-Gerät
anschaffen, doch zumindest die Kenntnisse zur MRT-Beurteilung sollten allgemein
vorhanden sein. Das muss dann in der Weiterbildungsordnung – anders als bisher
– verankert werden und natürlich ist ein kollegialer Diskurs mit den Radiologen
zu führen.
Welche
Weiterbildungsthemen sind Ihnen sonst wichtig?
Speck: Wie
in Berlin sollten medikamentöse Tumortherapie, fachgebundene Labordiagnostik
und fachgebundene Radiologie keine Zusatzweiterbildungen sein, sondern Elemente
des Kernkapitels Urologie. Die Frage ist, ob man dann mit der
Weiterbildungsbefugnis der niedergelassenen Urologen mit einem Jahr
Weiterbildung auskommt oder ob man die Weiterbildungsbefugnis auf 18 Monate
verlängert. Die vergleichbare Fachrichtung Gynäkologie hat beispielsweise eine
ambulante Weiterbildungsbefugnis von 24 Monaten in der MwbO verankert. Im
Rahmen der Verbund-Weiterbildung werden die Niedergelassenen in Zukunft
sicherlich eine andere Rolle in der Weiterbildung spielen. Dabei steht die
medikamentöse Tumortherapie im Zentrum der Betrachtung. Wir reden aber auch
über kleinere Operationen, die im Operationskatalog der Kliniken im Rahmen der
Weiterbildung nicht zu bewältigen sind. Ich denke da an Vasektomien oder
Zirkumzisionen sowie Eingriffe am Hoden. Es geht nicht um große Operationen und
nicht darum, den Kliniken etwas abzugraben. Vielmehr geht es um eine kluge
Ergänzung sowie die realistische Abbildung des Tagesgeschäfts. In diesen Fragen
gibt es bestimmt unterschiedliche Auffassungen, die eine konstruktive Diskussion anregen.
Werden Sie
sich auch um die digitale Medizin kümmern?
Speck: Ja, ein brandaktuelles Feld. Da geht es um die Nutzung von Apps
für Patienten und Urologen. Daraus werden sich interessante Versorgungsdaten
ergeben. Urologische Patienten könnten diese Apps nutzen und dazu beitragen,
dass ihre Behandlungsdaten in die Praxissysteme zurückgespielt und dort
ausgewertet werden. Solche Datensammlungen erlauben schließllich strukturierte
Ergebnisrecherchen. Anamnestische Fragebögen sind mit elektronischen Mitteln
ganz anders auswertbar. Beispielsweise
kann es um die Frage gehen, wie sich ein Symptom in Laufe einer
medikamentösen Therapie entwickelt.
Was halten Sie von Videokonferenzen und Videosprechstunden?
Speck: Das ist die Medizin der Zukunft, keine Frage.
Dafür müssen natürlich alle Belange des Datenschutzes beantwortet und die
elektronischen Verfahren standardisiert und qualitätsgeprüft sein. Ich habe
kein Verständnis dafür, dass die elektronische Durchdringung des
Gesundheitssystems sowie der Austausch von intersektoralen Daten so schleppend
vorankommt. Hier muss viel mehr geschehen!
(Franz-Günter Runkel sprach mit Dr. Thomas Speck)
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