Im Bild: Dr. Christian Tschuschke, BDU-Landesvorsitzender in Westfalen-Lippe.
So schwierig der politische Weg zur Realisierung der digitalen Medizin in der medizinischen Praxis sein mag, die Idee der elektronischen Patientenakte ist für Dr. Christian Tschuschke überzeugend: „Wir können die Praxisabläufe optimieren, die Morbidität abbilden, die Sicherheit der Arzneimitteltherapie steigern und gleichzeitig eine politische Antwort auf die Vorwürfe an die Ärzte parat haben.“ Tschuschke konnte dazu von der Umsetzung durch die Facharztinitiative Münster berichten, die sich als organisatorische Säule für EDV-Vernetzung und individuelle, qualitativ hochwertige Medizin sieht. 2009 gründete die Initiative gemeinsam mit dem Hausärzteverbund Münster den Dachverband Medis Münster als Gesellschaft bürgerlichen Rechts.
Berufspolitische Vertretung im Dachverband Medis Münster
Der Dachverband unterstützt seine Mitglieder allgemein bei der berufspolitischen Interessenvertretung und der kollegialen Kooperation. Angestrebt werde im Speziellen eine verbesserte Kommunikation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Qualitätssicherung. Das Resultat sei die verbesserte integrierte Versorgung der Patienten, so Tschuschke. Das technische Kernelement dieser integrierten Versorgung ist folglich die EDV-Vernetzung: 205 Mitglieder, 125 Haus- und 80 Fachärzte in rund 130 Praxen nehmen an Medis Münster teil. 50 Ärzte beteiligen sich Tschuschke zufolge aktiv an der EDV-Vernetzung. Insgesamt bestehen im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) 16 Praxisnetze gemäß § 87b SGB V mit 1.739 Ärzten. Die KVWL fördert innovative Kooperationsmodelle der Praxisnetze mit dem Ziel der Vernetzungregionaler Versorgungsmodelle.
Mehrere Praxisnetze in Westfalen-Lippe, unter anderem Medis Münster, haben das Projekt einer IT-Vernetzung in Westfalen-Lippe gestartet. Die Urologen waren sich einig, dass die Unabhängigkeit von der Privatärztlichen Verrechnungsstelle gewährleistet sein sollte. Das EDV-Netz sollte definierte Daten tauschen, Daten dezentral speichern und die Datenhoheit des Arztes sichern. „Die Grundidee war ein förderungsfähiges Leuchtturm-Projekt von neun Praxisnetzen in Westfalen-Lippe mit infrastrukturellem Mehrwert“, erklärte Tschuschke. Für Software und Schnittstellentechnik wurde der Produzent MicroNova und dessen Produkte Vivian und VisioContract vorgeschlagen. Für das Data-Sharing im Medis-Netz fiel die Wahl auf definierte Inhalte:
- Verordnungen (Rezepte, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen usw.),
- Laborparameter oder Laborkennziffer (optional),
- Dauerdiagnose und Akutdiagnose,
- digitalisierte fachärztliche Befunde wie Histologie, Gastrointestinaltrakt, Kolon, Sonografie usw.
Auch auf die Kosten ging der Münsteraner Urologe ein: „Einmalkosten fallen für das Netzbüro, die Praxis pro LANR (Lebenslange KV-Arztnummer), die zentrale und dezentrale Schulung an sowie die EDV-Installation nach Aufwand.“ Außerdem müssen 26 Euro monatlich laufende Kosten für das Netzbüro sowie 21 Euro pro Monat und Praxis pro LANR gerechnet werden. Laut Tschuschke begann man bei Medis Münster im September 2015 mit der EDV-Vernetzung. Seitdem seien 48 Ärzte in 16 Praxen vernetzt worden. Insgesamt seien derzeit 195 Ärzte in Münster, Marl, Recklinghausen und Steinfurt angeschlossen. 8.500 Patienten in Westfalen-Lippe haben sich bislang eingeschrieben.
Geschütztes Data-Sharing innerhalb des Netzes
Zentrales Element der EDV-Vernetzung ist das Krankenblatt mit den Befunden und chronologisch sortierten diagnostischen Maßnahmen inklusive der ICD-10-Kodierung. Die daraus generierte elektronische Patientenakte ist zum geschützten Data-Sharing innerhalb des EDV-Verbunds geeignet. Für die Zukunft bietet das System zusätzliche optionale Module:- Arzneimitteltherapiesicherheit: Medikamentenplan für Netzpatienten (z.B. Altenheimversorgung),
- gemeinsame Behandlungspfade,
- Anbindung von Pflegeheimen und Apotheken.
Für 2016 hat die KVWL dem Projekt der Praxisnetze fünf Millionen Euro Fördergelder für IT-Zwecke, Versorgungsmodelle und Integration neuer Praxen zur Verfügung gestellt. Für Christian Tschuschke steht fest: „Wichtiger als die EDV ist die Vernetzung in den Köpfen, aber ohne Geld läuft nichts.“
(Autor: Franz-Günter Runkel)

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