Mittwoch, 3. Mai 2017

Arznei-Richtgrößen sind in Niedersachsen vom Tisch



Seit Jahresanfang gibt es für niedersächsische Urologen de facto keine Arznei­­mittel-Richtgrößenprüfung mehr, weil sich KV und Krankenkassen auf ein neues Richtgrößensystem geeinigt haben.

Nach Ansicht des niedersächsischen BDU-Landesvorsitzenden Dr. Bernd König (im Bild) ist es mit der Neuregelung für Urologen sehr unwahrscheinlich geworden, nochmals in die Richtgrößenprüfung zu kommen. „Es ist sehr positiv, dass die Arzneimittel-Richtgrößen in Niedersachsen vom Tisch sind. In regio­naler Absprache mit den Krankenkassen haben wir es geschafft, den jeweiligen Fachgruppen-Durchschnitt als Richtwert zugrunde zu legen. Es gibt also seit diesem Jahr in Niedersachsen keine starre Richtgröße vom grünen Tisch mehr. Jetzt legt man den aktuellen Fachgruppen-Durchschnitt des Jahres 2017 zugrunde. Erst wenn man diesen um mehr als 50 % überschreitet, wird man geprüft. Dafür müssen wirklich außergewöhnliche Besonderheiten vorliegen“, erklärt König. Praktisch sei die Richtgrößenprüfung in Niedersachsen damit vom Tisch, denn diese Latte werde bei normalem Verordnungsverhalten niemand mehr reißen.

Bisher lag die Arzneimittel-Richtgröße für Urologen in Niedersachsen bei durchschnittlich 53 Euro pro Behandlungsfall über alle Altersgruppen gerechnet ( 26,66 Euro bis 114,36 Euro). Mit der neuen Berechnung des Fachgruppendurchschnittes werden die Zahlen jetzt deutlich höher liegen. Genaue Mitteilungen dazu gibt die KVN Mitte des Jahres. Die neue Regelung beruht auf den Verhandlungen der kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen mit den regionalen Krankenkassen aus dem Herbst 2016 und ist zum 1. Januar 2017 in Kraft getreten, so König. Falls jemand doch in die Lage kommen sollte, die Fachgruppenzielvorgabe um mehr als 50 % zu reißen, so bleibt ihm laut König noch die Möglichkeit, einen Regress durch die Einhaltung der vereinbarten allgemeinen Generika-Quote oder aber durch Einhaltung der spezifischen Zielvorgaben bei der  Verordnung von LHRH Analoga zu vermeiden. „Jeder Urologe in Niedersachsen kann durch einen Blick auf die interne Seiten der KVN genaue Informationen erhalten“, so König.    fgr

Freitag, 28. April 2017

Zeit für frischen digitalen Wind im Gesundheitssystem



Von Franz-Günter Runkel



Wie schwer es fällt, Brücken zwischen den Sektoren zu bauen, zeigte der Gesundheitskongress des Westens in Köln an zwei Beispielen: Honorarordnung und digitale Transformation. Lagerdenken und organisatorische Zementierung sind wesentliche Ursachen für den Stillstand im System. Missgunst und eine ausgeprägte Misstrauenskultur machen Veränderung zum freudlosen Geschäft. Fast erleichtert skizzierte KBV-Funktionär Dr. Bernhard Rochell in Köln die momentan 19 honorar­politischen Sondertöpfe zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Die Bürokraten der ärztlichen Selbstverwaltung sind gar nicht so be­gierig auf Ver­änderung. In komplexen, intransparenten Strukturen, so scheint es, lassen sich gut Pfründen schützen. 

Im „Schneckentempo“, so Klinik-Geschäftsführer Prof. Axel Ekkernkamp, geht auch die digitale Transformation des Gesundheitswesens voran. Von Big Data und Medizin 4.0 sind wir meilenweit entfernt. Stattdessen prägen Fax und Festnetz­Telefon die Kommunikation zwischen den Sektoren. Es verwundert manchmal, dass Versorgungsdokumente nicht per reitendem Boten transportiert werden. In Kliniken, Praxen und Krankenkassen-Geschäftsstellen hocken zuweilen Angestellte, Personalräte und Ärzte, die gerne mit Sperrfeuer auf alles antworten, was nach digitaler Veränderung aussieht. Als ob der Datenschutz eine Rolle spielte, wenn täglich ungezählte Fax-Blätter mit personenbezogenen Daten durch die Büros flattern. Das ist nicht mehr als ein billiger Vorwand, um Reformfeindlichkeit zu kaschieren. Es wird Zeit für frischen Wind im System!

Kaum zu glauben: Vor wenigen Jahren noch ein Schreckgespenst für jeden Urologen, geben die Arzneimittel-Richtgrößen in Niedersachsen seit Jahresanfang keinen Grund zur Sorge mehr. Ein großzügiger Budgetrahmen und praktisch unverwundbare Überschreitungsmargen sorgen im Norden für entspannte Ärztegesichter.

Still und leise wurde die ­Novelle der Musterweiterbildungsordnung von der Bundesärztekammer vorangetrieben. Prof. Oliver Hakenberg, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, ist zufrieden mit dem aktuellen Stand, wenn denn am Ende alles so kommt, wie von Urologen gewünscht. – Man wird sehen.

Donnerstag, 9. März 2017

Gendermedizin: Urologinnen in der Karrierefalle



In einer bemerkenswerten Forumsitzung zur Gendermedizin im Rahmen der bayerisch-österreichischen Urologentagung im Sommer in Augsburg ging
es um Karrierechancen von Urologinnen sowie die Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf. Zwei Drittel der Ärztinnen glauben nicht an gleiche Karrierechancen wie ihre männlichen Kollegen. 

Kongresspräsidentin Prof. Dorothea Weckermann warnte vor „Social Freezing“ und forderte bessere Strukturen, um familiäre und berufliche Interessen unter einen Hut zu bringen.Weckermann begründete die Wahl des Veranstaltungsmottos „Urologie attraktiv gestalten“ in ihrer Eröffnungsrede: „Ich habe dieses Kongressthema ausgesucht, weil ich zeigen wollte, wohin wir kommen können, wenn es uns nicht gelingt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Urologinnen zu verbessern.“

Für die allgemeine Einordnung des Themas sorgte die Berliner Unter­nehmerin Dr. Martina Kloepfer, die Initiatorin und Präsidentin der Ver­anstaltungsreihe „Bundeskongress Gender-Gesundheit“ ist. Diese Reihe beschäftigt sich mit den geschlechtsspezifischen Aspekten der medizinischen Versorgung und des gesamten Gesundheitssystems. Seit 14 Jahren schon sind Frauen im Medizinstudium stärker vertreten als Männer. „2006 betrug der Anteil der Frauen im Me­dizinstudium nach Zahlen des Statistischen Bundesamts bereits 63 %“, erklärte Kloepfer. Später jedoch drehen sich die Relationen um, denn 40 % der Männer nehmen eine Oberarzt-Po­sition an, während es bei den Frauen nur 27 % sind. Chefärztinnen in der Uro­logie warten dann nur noch mit einstelligen Prozentanteilen auf.

40 % der Ärztinnen arbeiten weniger als 20 Wochenstunden

Allerdings, so berichtete Kloepfer, würden Frauen schon ihr Medizinstudium oft aus rein altruistischen Motiven starten, während Männer mehr an Fortkommen und Karriere dächten: „Unter dem Strich nehmen Frauen ein Medizinstudium eher aus idealistischen Helfer-Vorstellungen heraus auf, während Männer den Schwerpunkt auf strategische Überlegungen wie Karriereplanung legen.“ Sobald Kinder geboren werden, arbeiten Frauen sehr schnell auf Teilzeit-Stellen. „40,2 % der Ärztinnen arbeiten dann weniger als 20 Wochenstunden. Die Männer arbeiten sehr häufig 45 Stunden pro Woche und mehr. Das beeinflusst natürlich erheblich den weiteren Karriereweg.“

Zwei Drittel der Frauen glauben nicht an gleiche Karrierechancen

Dr. Ulrike Necknig (Foto), Oberärztin der Klinik für Urologie und Leiterin der Abteilung Kinderurologie im Klinikum Garmisch-Partenkirchen, ging auf eine Umfrage des Hartmannbundes (s. Tab.) von 2014 zu den Karriereerwartungen von Frauen im Arztberuf. „Zwei Drittel der befragten Ärztinnen glaubten nicht, dieselben Karrierechancen zu haben wie ihre männlichen Kollegen. 20 % der Befragten glaubten, dass dies vielleicht der Fall sein würde“, fasste Necknig zusammen. Vier von zehn Frauen möchten nach Erreichen des Facharztes nur noch teilweise arbeiten. Die Genera­tion Y ist intensives Arbeiten und lebenslanges Lernen gewöhnt, hat aber eine eingebaute Burn-out-Sperre und legt großen Wert auf flexible Arbeitszeiten sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese Generation wird in einem System der befristeten Arbeitsverträge sowie der anwachsenden Bürokratisierung und Arbeitsverdichtung groß, so Necknig.

Frauen sehen sich aus Necknigs Sicht vor allem als Betreuungspersonen, die sich aus der Sorge um die Familie aus der aktiven Rolle im Beruf zurück­zögen. Männer hingegen sähen sich familiär eher als Beziehungspersonen, die unterstützende Arbeiten aus­führten. „Der Wiedereinstieg in eine Vollzeitstelle wird mit zunehmender Teilzeittätigkeit immer schwieriger. Teilzeitbeschäftigte werden in den Betrieben oft schlechter eingeschätzt, abgewertet und auf weniger wichtige Positionen abgeschoben. Erfolg im Beruf wird laut einer US-Studie vor allem als männliche Eigenschaft angesehen. Beliebtheit bei Männern und Erfolg im Beruf korreliert positiv, bei Frauen ist es negativ“, unterstrich Necknig. Laut einer Untersuchung des Bundesministeriums für Familie und  Gesundheit sei Mutterschaft oft mit Teilzeitbeschäftigung und Karriereknick assoziiert. „Eine Teilzeitbeschäftigung wird für Frauen schnell zur Karrierefalle“, machte Ulrike Necknig deutlich.
 


Um der Karrierefalle zu entgehen, unterstützen Unternehmen wie Facebook und Google das sogenannte Social Freezing ideell und materiell. Social Freezing ist nicht medizinisch indiziert, sondern der Begriff beschreibt die Kryo-Konservierung von Eizellen einer gesunden Frau, um später eine Schwangerschaft einzugehen. Ein wesentlicher Grund ist, zunächst einmal Karriere machen zu können und später Kinder zu bekommen.

Prof. Florian Steger (Foto), Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Ulm, nahm eine ethische Einordnung des Phänomens vor. „Aus juristischer Sicht muss die obligatorische Aufklärung bei Social Freezing eine Freiwilligkeit gewährleisten und hier taucht ein relevantes medizinethisches Problem auf. Da darf man sicher ein Fragezeichen setzen, denn Interessen Dritter können hier sehr wohl eine Rolle spielen“, merkte Steger mit Hinweis auf Google und Facebook an. Wenn die obligatorische Beratung der Frauen rechtssicher sein soll, wird es laut Steger schwierig: „Das Problem besteht hier im Mangel an Langzeitdaten zum Social Freezing. Evidenzgesicherte Aussagen sind in der Aufklärung zum Social Freezing nicht durchgehend möglich.“

Der zweite schwierige Aspekt des ­Social Freezing ist die Sozialethik. „Mittlerweile haben Firmen finanzielle Programme zur Unterstützung ihrer Mitarbeiterinnen aufgelegt. Zu diesem Thema gibt es aktuelle wissenschaftliche Daten der Universität Halle. Seit 2014 unterstützen Google und Facebook ihre Mitarbeiterinnen dabei, sich für eine Kryokonservierung von Eizellen zu entscheiden. Dies geschah explizit mit dem Hinweis auf die selbstbestimmte Lebensplanung. Wie hat nun die Bevölkerung auf dieses Thema reagiert? Es gibt eine FORSA-Befragung aus dem Jahr 2016, an der 1.061 Männer und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren teilnahmen. 64 % der Befragten mit Kind oder Kinderwunsch sind dem Social Freezing gegenüber aufgeschlossen: 31 % sagen, dass sie sich das Verfahren für sich vorstellen können und 33 % finden es grundsätzlich akzeptabel. Es gibt also in der Bevölkerung eine große Zustimmung für diese Möglichkeit der selbstbestimmten Familien- und Lebensplanung“, erläuterte Steger die Situation.

Über Freiwilligkeit lässt sich bei Social Freezing streiten

Aus Sicht der Medizinethik zweifelte Steger an, dass es sich tatsächlich um eine Form der weiblichen Selbstbestimmung handele. Einerseits sähen es die Frauen als selbstbestimmten Schritt zur Schwangerschaft, andererseits spürten viele, dass die Freiwilligkeit in Gefahr gerate. Es gehe ein gesellschaftlicher Druck sowie auch ein Druck vom Arbeitgeber aus. „Hätten diese Frauen eine bessere Option der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wäre der Druck nicht so hoch“, betonte Steger. Ein weiterer Aspekt sind die Risiken von Social Freezing. Viele Kryokonservierungen von Eizellen führen zu Mehrlingsschwangerschaften sowie zu Frühgeburten, stellen die Gynäkologen fest. Ältere Frauen erleiden öfter Komplikationen bei der Schwangerschaft. Zu den Auswirkungen des Social Freezing auf die Kinder gibt es bislang überhaupt keine Daten, so Steger.

Die Frauen selbst scheinen ebenfalls skeptisch zu sein, denn die Nachfrage nach Aufklärung und Social Freezing bei niedergelassenen Gynäkologen ist bislang eher schwach, berichtete Steger. Es werde kaum einmal nach einer solchen Beratung gefragt. Wenn Frauen kommen, sind sie zwischen 35 und 40 Jahre alt. Reproduktionsbiologisch ist dies zu spät, wenn sie zuvor keine Eizellen kryokonserviert haben. Mitten in der beruflichen Karriere wächst die Erkenntnis, dass die weibliche Fertilität zeitlich begrenzt ist. Sie kommen alle zu spät, so der Medizinethiker. Unter dem Strich sei Social Freezing in der gynäkologischen Praxis nur ein marginales Thema. 
Der gesellschaftliche Druck komme einer Nötigung nahe.

Ob Social Freezing also Ausdruck der reproduktionsmedizinischen Selbstbestimmung der Frau ist, wird also sehr kontrovers diskutiert. „Grundsätzlich bedeutet die freiwillige Entscheidung schon, dass die Frau über ihre reproduk­tionsmedizinische Rolle selbst bestimmt. Aber der aufgebaute gesellschaft­liche Druck ist erheblich und wird von einigen als Form der Nötigung angesehen“, so Steger. Gesellschaftspolitisch stehe die Frau zwischen Mutterschaft und Karriere bzw. ökonomischer Autonomie. „Mit Social Freezing“, so Steger weiter, „werden wir nicht die gesellschaftspolitische Aufgabe lösen. ­Frauen sollten Möglichkeiten haben, jenseits von Social Freezing ihre Karriere zu verfolgen.“       
(Autor: Franz-Günter Runkel)