Aktuelles vom amerikanischen Krebskongress der American
Society of Clinical Oncology (ASCO) 2016 stand im Mittelpunkt einer
interdisziplinären Pressekonferenz von Roche Pharma in Hamburg. Prof. Jürgen
Wolf vom Universitätsklinikum Köln fasste aus seiner Sicht die wichtigsten
Trends zusammen: uroonkologische Immuntherapie, DNA-Sequenzierung und
Präzisionsmedizin sowie das Big-Data-Problem.
Für Prof. Jürgen Wolf war der ASCO 2016 kein Kongress der
großen Durchbrüche, sondern eher der vielen kleinen Schritte. Die ASCO
adressierte das globale Medizinthema „Big Data“ bereits mit dem Kongressmotto
„Gesammelte Weisheit“. Dies kommentierte Wolf so: „Mit zunehmendem Verständnis
der molekularen Grundlagen von Krebserkrankungen teilt sich das Wissen in immer
mehr Bereiche auf. Dazu gehören die molekulare Diagnostik, die Genomforschung,
die Immuntherapie. Es gibt Entwicklungen in der klassischen Chemotherapie als
auch in der modernen Präzisionsmedizin. Die große Herausforderung besteht
darin, dieses gewaltige Datenwissen zusammenzuführen und in die individuelle
Versorgung der Patienten einzubringen. Auf dieser Basis eine optimale
Therapieentscheidung zu treffen, ist nach dem Verständnis der ASCO die
gesammelte Weisheit.“
Neue Strategien in der Uroonkologie
Im Rahmen seines interdisziplinären Überblicks befasste sich
Wolf auch mit der Immuntherapie. Die Wirkstoffe Nivolumab beim
Nierenzellkarzinom und Atezolizumab beim Urothelkarzinom sind zwei in Europa
und USA zugelassene Monotherapien. „Mit objektiven Ansprechraten (ORR) von
21,5 % (Nivolumab) bzw. 15 % (Atezolizumab) wird jedoch die weit überwiegende
Mehrzahl der Patienten immer noch vergeblich behandelt“, kritisierte Wolf.
Die Präzisionsmedizin basiert auf der DNA-Sequenzierung,
wobei der exponentielle Fortschritt in der DNA-Sequenzierung der vergangenen
drei Jahrzehnte nach Darstellung Wolfs auf zwei Entwicklungen zurückgeht: auf
das Ende der 1970er Jahre von Prof. Frederick Sanger entwickelte
Sanger-Sequencing und die neue Methode des Next Generation Sequencing, die
heute State of the Art ist. Damit kann eine vollständige genetische
Sequenzierung des Genoms – dies entspricht etwa drei Milliarden
DNA-Basenpaaren – innerhalb weniger Stunden und zu vergleichsweise geringen
Kosten durchgeführt werden.
Verbesserte Gewinnung von molekularer Information
Vier Klassen von Genomveränderungen können laut Wolf zu
Krebserkrankungen führen: Base Substitutions (Grundlagen-Austausch), Insertions
und Deletions (Einschübe und Löschungen), Copy Number Alterations
(Veränderungen der Anzahl der Kopien) und Rearrangements (Fusionen und Verschiebungen).
Standard-Tests wie FISH, IHC und Hotspot-Panels erkennen in der Regel nur eine
oder zwei Arten klinisch relevanter DNA-Alterationen. Das US-amerikanische
Unternehmen Foundation Medicine ist nach Darstellung der Roche Pharma AG ein
„Pionier der molekularen Information“. Die industriellen Techniken des
Unternehmens seien in der Lage, bei Patienten mit einer Krebserkrankung mehrere
Alterationen bis auf die molekulare Ebene zu verfolgen und zu erkennen. Seit
April 2015 ist Roche mit 56,3% Mehrheitsaktionär dieses Unternehmens. Der von
Foundation Medicine entwickelte Test erfasst mit einem Schlag 315 Gene der
Tumor-DNA und eröffnet der DNA-Analyse neue Möglichkeiten, die mit den
Standard-Tests unerreichbar waren.
Hinsichtlich der ASCO-Daten zur Präzisionsmedizin gab sich
Wolf enttäuscht: „Es gibt einzelne neue Subgruppen für eine spezifische
gezielte Therapie, aber ein Durchbruch der Präzisionsmedizin bei den großen
Entitäten wie dem Prostatakarzinom steht weiter aus.“ Immerhin gebe es beim
Harnblasenkarzinom interessante Ansätze. „Ungefähr ein Drittel der
Blasenkarzinompatienten hat eine Mutation im FGFR3-Gen. Mit einer gezielten
Therapie mit BGJ 398 lässt sich immerhin ein objektives Ansprechen von 40 %
erreichen. Neben der Immuntherapie des platinrefraktären Blasenkarzinoms zeigt
sich hier ein weiterer Kinase-Ansatz in der Präzisionstherapie“, berichtete
Wolf.
Nicht so die ASCO-Bilanz beim Prostatakarzinom. Hier gebe es
keine relevanten neuen Daten und auch eine neue Treibermutation sei nicht in
Sicht. „Ein wenig Hoffnung ruht auf den DNA-damaged-Mutationen. Das sind die
Gene, die Schäden in der DNA reparieren. In Kombination mit Arbirateron plus
Prednison ergibt sich ein kombiniertes objektives Ansprechen von 57 %. Ein
Durchbruch in der Präzisionsmedizin steht aber beim Prostatakarzinom trotzdem
aus. Hier muss noch mehr Wissen generiert werden“, stellte Wolf fest.
Das Datenproblem
Um das Problem der vielen unstrukturierten Daten ohne
Verlinkung zur globalen IT-Struktur zu lösen, wurde auf dem ASCO-Kongress das
Cancer LinQ-Projekt vorgestellt. „Das Konzept dieser IT-Plattform, die von der
American Society of Clinical Oncology in Kooperation mit SAP entwickelt wurde,
ist die Umwandlung der Krebsversorgung durch Real-Time-Learning anhand von
Live-Daten. Im Juni 2016 waren in den USA bereits 750.000 Patientenakten aus
Praxen und Krankenhäusern erfasst. Neue Tumortherapien können damit auch
außerhalb klinischer Studien eingepflegt werden, was immerhin 97 % aller
Therapiedaten nutzbar macht. Die Versorgung hält Einzug in den Daten-Pool. Ich
glaube, das kann auch für uns in Deutschland Vorbildcharakter gewinnen“, fasste
Wolf zusammen.
Dr. Marlene Thomas von Roche Pharma betonte, dass molekulare
Information und Big Data ausgesprochene Zukunftsthemen sind und großes
Potenzial bergen: „Die Erzeugung dieser vielen Daten ist für uns kein Problem
mehr, aber was uns vor große Schwierigkeiten stellt, ist der Versuch, diesen Daten
eine gewisse Sinnhaftigkeit zu verleihen. Es ist schwierig, die Daten auf einen
Nenner zu bringen, um die Behandlung von Patienten noch individueller und
besser zu machen.“
(Autor: Franz-Günter Runkel / 21.10.2016)
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