Freitag, 21. Oktober 2016

Big Data auf dem ASCO 2016 – Datenflut für die Therapie nutzen



Aktuelles vom amerikanischen Krebskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2016 stand im Mittelpunkt einer interdisziplinären Pressekonferenz von Roche Pharma in Hamburg. Prof. Jürgen Wolf vom Universitätsklinikum Köln fasste aus seiner Sicht die wichtigsten Trends zusammen: uroonkologische Immuntherapie, DNA-Sequenzierung und Präzisionsmedizin sowie das Big-Data-Problem.

Für Prof. Jürgen Wolf war der ASCO 2016 kein Kongress der großen Durchbrüche, sondern eher der vielen kleinen Schritte. Die ASCO adressierte das globale Medizinthema „Big Data“ bereits mit dem Kongressmotto „Gesammelte Weisheit“. Dies kommentierte Wolf so: „Mit zunehmendem Verständnis der molekularen Grundlagen von Krebserkrankungen teilt sich das Wissen in immer mehr Bereiche auf. Dazu gehören die molekulare Diagnostik, die Genomforschung, die Immuntherapie. Es gibt Entwicklungen in der klassischen Chemotherapie als auch in der modernen Präzisionsmedizin. Die große Herausforderung besteht darin, dieses gewaltige Datenwissen zusammenzuführen und in die individuelle Versorgung der Patienten einzubringen. Auf dieser Basis eine optimale Therapieentscheidung zu treffen, ist nach dem Verständnis der ASCO die gesammelte Weisheit.“

Neue Strategien in der Uroonkologie

Im Rahmen seines interdisziplinären Überblicks befasste sich Wolf auch mit der Immuntherapie. Die Wirkstoffe Nivolumab beim Nierenzellkarzinom und Atezolizumab beim Urothelkarzinom sind zwei in Europa und USA zugelassene Monotherapien. „Mit objektiven Ansprechraten (ORR) von 21,5 % (Nivolumab) bzw. 15 % (Atezolizumab) wird jedoch die weit überwiegende Mehrzahl der Pa­tienten immer noch vergeblich behandelt“, kritisierte Wolf.

Die Präzisionsmedizin basiert auf der DNA-Sequenzierung, wobei der exponentielle Fortschritt in der DNA-Sequenzierung der vergangenen drei Jahrzehnte nach Darstellung Wolfs auf zwei Entwicklungen zurückgeht: auf das Ende der 1970er Jahre von Prof. Frederick Sanger entwickelte Sanger-Sequencing und die neue Methode des Next Generation Sequencing, die heute State of the Art ist. Damit kann eine vollständige genetische Sequenzierung des Genoms – dies entspricht etwa drei Milliarden DNA-Basen­paaren – innerhalb weniger Stunden und zu vergleichsweise geringen Kosten durchgeführt werden.

Verbesserte Gewinnung von molekularer Information

Vier Klassen von Genomveränderungen können laut Wolf zu Krebserkrankungen führen: Base Substitutions (Grundlagen-Austausch), Insertions und Deletions (Einschübe und Löschungen), Copy Number Alterations (Veränderungen der Anzahl der Kopien) und Rearrangements (Fusionen und Verschiebungen). Standard-Tests wie FISH, IHC und Hotspot-Panels erkennen in der Regel nur eine oder zwei Arten klinisch relevanter DNA-Alterationen. Das US-amerikanische Unternehmen Foundation Medicine ist nach Darstellung der Roche Pharma AG ein „Pionier der molekularen Information“. Die industriellen Techniken des Unternehmens seien in der Lage, bei Patienten mit einer Krebserkrankung mehrere Alterationen bis auf die molekulare Ebene zu verfolgen und zu erkennen. Seit April 2015 ist Roche mit 56,3% Mehrheitsaktionär dieses Unternehmens. Der von Foundation Medicine entwickelte Test erfasst mit einem Schlag 315 Gene der Tumor-DNA und eröffnet der DNA-Analyse neue Möglichkeiten, die mit den Standard-Tests unerreichbar waren.

Hinsichtlich der ASCO-Daten zur Präzisionsmedizin gab sich Wolf enttäuscht: „Es gibt einzelne neue Subgruppen für eine spezifische gezielte Therapie, aber ein Durchbruch der Präzisionsmedizin bei den großen Entitäten wie dem Prostatakarzinom steht weiter aus.“ Immerhin gebe es beim Harnblasenkarzinom interessante Ansätze. „Ungefähr ein Drittel der Blasenkarzinompatienten hat eine Mutation im FGFR3-Gen. Mit einer gezielten Therapie mit BGJ 398 lässt sich immerhin ein objektives Ansprechen von 40 % erreichen. Neben der Immuntherapie des platinrefraktären Blasenkarzinoms zeigt sich hier ein weiterer Kinase-Ansatz in der Präzi­sionstherapie“, berichtete Wolf.

Nicht so die ASCO-Bilanz beim Prostatakarzinom. Hier gebe es keine relevanten neuen Daten und auch eine neue Treibermutation sei nicht in Sicht. „Ein wenig Hoffnung ruht auf den DNA-damaged-Mutationen. Das sind die Gene, die Schäden in der DNA reparieren. In Kombination mit Arbirateron plus Prednison ergibt sich ein kombiniertes objektives Ansprechen von 57 %. Ein Durchbruch in der Präzisions­medizin steht aber beim Prostatakarzinom trotzdem aus. Hier muss noch mehr Wissen generiert werden“, stellte Wolf fest.

Das Datenproblem

Um das Problem der vielen unstrukturierten Daten ohne Verlinkung zur globalen IT-Struktur zu lösen, wurde auf dem ASCO-Kongress das Cancer LinQ-Projekt vorgestellt. „Das Konzept dieser IT-Plattform, die von der American Society of Clinical Oncology in Kooperation mit SAP entwickelt wurde, ist die Umwandlung der Krebsversorgung durch Real-Time-Learning anhand von Live-Daten. Im Juni 2016 waren in den USA bereits 750.000 Patientenakten aus Praxen und Krankenhäusern erfasst. Neue Tumortherapien können damit auch außerhalb klinischer Studien eingepflegt werden, was immerhin 97 % aller Therapiedaten nutzbar macht. Die Versorgung hält Einzug in den Daten-Pool. Ich glaube, das kann auch für uns in Deutschland Vorbildcharakter gewinnen“, fasste Wolf zusammen.

Dr. Marlene Thomas von Roche Pharma betonte, dass molekulare Information und Big Data ausgesprochene Zukunftsthemen sind und großes Potenzial bergen: „Die Erzeugung dieser vielen Daten ist für uns kein Problem mehr, aber was uns vor große Schwierigkeiten stellt, ist der Versuch, diesen Daten eine gewisse Sinnhaftigkeit zu verleihen. Es ist schwierig, die Daten auf einen Nenner zu bringen, um die Behandlung von Patienten noch individueller und besser zu machen.“
(Autor: Franz-Günter Runkel / 21.10.2016)

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