Samstag, 8. Oktober 2016

Hohe Hürden auf dem Weg zu Health 4.0



An den Sektorengrenzen endet die Transparenz im deutschen Gesundheitssystem. Deshalb hat es die unter dem Schlagwort Health 4.0 bekannt gewordene Digitalisierung des Gesundheitswesens bis zum heutigen Tag sehr schwer. Wie weit die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) von der Realität des Systems entfernt sind, zeigte eine Veranstaltung auf dem Hauptstadtkongress im Juni 2016 in Berlin.

Prof. Arno Elmer, heutiger Geschäftsführer von Innovation Health Partners, ist Kronzeuge der oft destruktiven Haltung von Funktionären des Gesundheitssystems, sobald es um Digitalisierung, Telemedizin und Datenteilung geht. Elmer war von 2002 bis 2015 Hauptgeschäftsführer der gematik Ge­sellschaft für Tele­matik­anwen­dun­gen der Gesundheitskarte mbH. Am eigenen Leib erfuhr Elmer, wie schwierig digitale Medizin in der politischen Praxis des Systems durchzusetzen ist. Die mit minimalem Anspruch gestartete elektronische Gesundheitskarte hat bis zum heutigen Tag nicht den gewünschten Stand erreicht. Zum 1. Juli 2015 verließ Elmer die gematik auf eigenen Wunsch.

„Warum funktioniert eHealth in Deutschland nicht?“

Frustriert fragte Elmer: „Warum funk­tioniert eHealth in Deutschland nicht?“ Im Grunde gehe es doch darum, längst funktionierende elektronische Prozesse endlich im deutschen Gesundheitswesen einzuführen. „Mein Lieblingsbeispiel dafür ist das elektronische Rezept. Wenn der verschreibende Arzt auf ‚Enter‘ drückt, dann könnte das Rezept nicht auf Papier aus dem Drucker kommen, sondern es könnte elektronisch zum Apotheker geschickt werden. In der Praxis aber passiert Folgendes: ausdrucken, einscannen, ausdrucken, einscannen ... Sie werden es nicht glauben, aber es ist so. Man könnte zum Beispiel ein Smartphone nutzen, um einen solches Rezept zu empfangen und einzulösen.“ Das ginge auch mit dem in Deutschland geltenden Datenschutz, wie Elmer ausführte: „Sonst hätten wir nämlich in Zeiten des Online-Bankings innerhalb kurzer Zeit kein Geld mehr auf dem Konto.“

Dabei bietet die Digitalisierung Elmer zufolge große Chancen, die aktuellen Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens zu lösen. Elmer erläuterte „Auf der einen Seite haben wir es immer noch mit Überversorgung zu tun, was mit einer nicht intelligenten Allokation von Ressourcen zu tun hat. Auf der anderen Seite gibt es viele Regionen, in denen Unterversorgung herrscht. Das betrifft sowohl den ambulanten als auch den stationären Bereich. Um die Versorgung der älteren Patienten unterversorgter Regionen sicherzustellen, benötigen wir dringend telemedizinische Lösungen. Das Instrument des Videokonzils könnte zum Beispiel dazu dienen, medizinische Daten wie Blutwerte oder Dokumente bildgebender Verfahren schnell auszutauschen und eine Diagnose mit Handlungsempfehlung zu stellen.“ Für Elmer ist die digitale Umwandlung des Gesundheitswesens längst kein IT-Problem mehr, sondern eine Frage des politischen Willens und des gesellschaftlichen Konsenses.

Eine negative Zwischenbilanz der Di­gitalisierung zog auch Prof. Heyo K. ­Kroemer, Vorstandssprecher und Dekan der Universitätsmedizin Göttingen. Dabei seien die Vorteile von eHealth unabweisbar: „Die Frage, ob der richtige Patient im richtigen Bett liegt und die passende Therapie erhält, ist in der universitären Medizin von herausragender Bedeutung. Darüber hinaus sind wir daran interessiert, Forschung und Lehre miteinander zu verbinden. Der Forschung geht es beispielsweise darum, Translationsziele zu erreichen und Studien-Patienten zu gewinnen. In der Lehre wäre digitales Lernen ein wesentlicher Fortschritt.“

IT-Chaos in Unikliniken

Momentan sei man in einigen Bereichen aber noch nicht einmal bei Health 1.0 angekommen, wie Kroemer ausführte: „Wenn ein Patient unsere Klinik nach einer erfolgreichen Behandlung verlässt, hat er im günstigsten Fall einen Arztbrief auf Papier in seiner Jackentasche. Die Daten werden in der Regel nicht digital an den niedergelassenen Arzt übermittelt, ganz zu schweigen von einer Daten-Cloud. In unserer Klinik gibt es kein einheitliches informationstechnologisches System, sondern ein dreistelliges Sammelsurium verschiedener elektronischer Systeme. Unter dem Strich haben wir keine durchgängige IT-Landschaft.“

Kroemer legte den Finger auch noch in eine weitere Wunde: „Warum haben wir es in unserem hoch technisierten Land nicht geschafft, eine anspruchsvolle elektronische Patientenkarte mit allen wichtigen Daten einzuführen?“ Im fragmentierten deutschen Gesundheitssystem habe eben keine Partei ein wirkliches Interesse daran, Informationen auszutauschen und Daten zu teilen. Vielmehr seien alle Parteien darauf aus, die Daten im eigenen Einflussbereich zu halten. „Das ist unser Kernproblem“, so Kroemer, „und ich glaube auch, dass wir im Rahmen der Selbstverwaltung nur sehr begrenzt in der Lage sind, dieses Problem zu lösen.“

Allerdings biete das eHealth-Gesetz zum ersten Mal hoffnungsvolle Per­spektiven. Auf der Gesetzgebungsseite sei dieses Gesetz durchaus bemerkenswert, weil es erstmals auch mit Sank­tionen durchgesetzt werden könne. Obwohl telemedizinische Fernbehandlungen noch nicht erlaubt seien, bröckele der Widerstand zunehmend. Schon befassten sich die ersten Krankenkassen mit dem elektronischen Versand von Diagnostikbildern. „Wenn ich in diesem Bereich etwas zu sagen hätte, würde ich eine deutschlandweit geltende interoperable Krankenakte einrichten. Wenn die gesamte stationäre Krankenversorgung in Deutschland mit digitalen Krankenakten hinterlegt wäre, könnte es sich kein niedergelassener Arzt mehr leisten, kein interoperables System zu betreiben. Wenn der Gesetzgeber an dieser Stelle eingreifen würde, hätten wir sehr schnell einen Domino-Effekt, der am Ende wirklich zu einem Health-4.0-System führen würde“, schloss Kroemer kämpferisch.

Industrie setzt auf eHealth

Bild: Dr. Arthur Kaindl, General Manager Digital Health Services von Siemens Healthcare

Wie weit die Industrie bereits ist, zeigte Dr. Arthur Kaindl (Foto) auf, General Manager Digital Health Services von Siemens Healthcare. Für ihn steht fest: „Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich aufgrund der Digitalisierung der Medizin dramatisch verändert, weil der Patient informierter und selbstbewusster zur Behandlung geht. Bis zum Ende der Dekade werden 25 Mrd. Produkte digital vernetzt sein. Vernetzung aber bedeutet Austausch von Informationen und Innovation. Wenn Sie das verbinden – den souveränen Patienten auf der einen und den Megatrend Digitalisierung auf der anderen Seite –, dann ist Digitalisierung der zentrale Schlüssel ist für die Verbesserung der Qualität, aber auch der Effizienz im Gesundheitswesen“, so Kaindl.

Am Beispiel der Medx-Plattform zeigte Kaindl, wie Ärzte bei der Diagnose digital unterstützt werden können. Medx enthält Symptome und Differenzial­diagnosen, empfiehlt Handlungen und erkennt seltene Erkrankungen frühzeitig. Medx sammelt mithilfe von Abfragen Informationen und erstellt einen Vorschlag für eine Diagnose, so Kaindl. Medx übernimmt also zwei Aufgaben: Die Plattform sammelt Informationen aus dem Internet und vermittelt einen Kontakt zum behandelnden Arzt.

ImagineCare von Dartmouth-Hitchcock Health System ist eine mobile Gesundheitsplattform für die personalisierte Versorgung. Die Plattform erlaubt laut Kaindl eine „360-Grad-Sicht“ auf den Patienten durch evidenzbasierte Behandlungspfade und nutzt Daten aus Wearables und Heimsensoren. Siemens Healthcare erforscht außerdem in Kooperation mit NEO New Oncology das Potenzial blutbasierter Biomar­ker zur Diagnose von Tumoren ohne Gewebe­biopsie. Es geht um zielgerichtete Vorschläge für individuelle Krebstherapien.

Bild: Harald Kuhne, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Was aber kann die Politik tun, um die Digitalisierung Realität in Praxen und Kliniken werden zu lassen? Harald Kuhne, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, befasste sich auf dem Hauptstadtkongress mit den digitalen Handlungsfeldern für die Politik. Health 4.0 bietet seinen Worten zufolge großes Optimierungspotenzial für das Gesundheitswesen. Vier Aspekte führte Kuhne dazu an:

  • Beschleunigung: Arzttermine via Smartphone-App, schnellere Dia­gnose durch die ePatientenakte.
  • Vereinfachung: Kauf der Medikamente via eRezept; Datenerhebung in klinischen Studien durch Apps.
  • Qualitätssteigerung: präzisere Thera­pien und Früherkennung ­sowie eine optimierte Prävention durch Analyse von Big Data.
  • Kostensenkung: Online-Konsulta­tion statt Arztbesuch.

Analoge Gräben lassen sich auch digital kaum überwinden

Aber auch Kuhne beschrieb die hohen Hürden auf dem Weg zum digitalen Gesundheitswesen. „Kann Digitalisierung die fehlende Vernetzung in der analogen Welt überbrücken? Was in der analogen Welt nicht funktioniert, wird in einem in Sektoren aufgespaltenen Gesundheitssystem nicht allein deshalb funktionieren, weil wir es digital organisieren“, erklärte Kuhne skeptisch. Die elektronische Patienten­akte und das elektronische Rezept würden nicht akzeptiert bzw. praktiziert, solange die Sektorengrenzen unüberwindbar schie­nen. Allerdings könnte das eHealth-Gesetz eine Wende einleiten, weil es Druck ausübe und Sanktionen verhänge. Ein gravierendes Problem seien Abrechnungsregeln für telemedizinische Leistungen. Letzteres fürchte der Bundesgesundheitsminister natürlich mehr als der Teufel das Weihwasser, aber auf die Dauer werde man nicht darum herumkommen. Die Krankenkassen sah der Ministerial­direktor übrigens besonders in der Pflicht, sich an digitalen Projekten in der Medizin zu beteiligen. 
(Autor: Franz-Günter Runkel/08.10.2016)

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