An den Sektorengrenzen endet die Transparenz im deutschen
Gesundheitssystem. Deshalb hat es die unter dem Schlagwort Health 4.0 bekannt
gewordene Digitalisierung des Gesundheitswesens bis zum heutigen Tag sehr
schwer. Wie weit die Möglichkeiten der Informations- und
Kommunikationstechnologien (IKT) von der Realität des Systems entfernt sind,
zeigte eine Veranstaltung auf dem Hauptstadtkongress im Juni 2016 in Berlin.
Prof. Arno Elmer, heutiger Geschäftsführer von Innovation
Health Partners, ist Kronzeuge der oft destruktiven Haltung von Funktionären
des Gesundheitssystems, sobald es um Digitalisierung, Telemedizin und Datenteilung
geht. Elmer war von 2002 bis 2015 Hauptgeschäftsführer der gematik
Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH. Am eigenen
Leib erfuhr Elmer, wie schwierig digitale Medizin in der politischen Praxis des
Systems durchzusetzen ist. Die mit minimalem Anspruch gestartete elektronische
Gesundheitskarte hat bis zum heutigen Tag nicht den gewünschten Stand erreicht.
Zum 1. Juli 2015 verließ Elmer die gematik auf eigenen Wunsch.
„Warum funktioniert eHealth in Deutschland nicht?“
Frustriert fragte Elmer: „Warum funktioniert eHealth in
Deutschland nicht?“ Im Grunde gehe es doch darum, längst funktionierende
elektronische Prozesse endlich im deutschen Gesundheitswesen einzuführen. „Mein
Lieblingsbeispiel dafür ist das elektronische Rezept. Wenn der verschreibende
Arzt auf ‚Enter‘ drückt, dann könnte das Rezept nicht auf Papier aus dem
Drucker kommen, sondern es könnte elektronisch zum Apotheker geschickt werden.
In der Praxis aber passiert Folgendes: ausdrucken, einscannen, ausdrucken, einscannen
... Sie werden es nicht glauben, aber es ist so. Man könnte zum Beispiel ein
Smartphone nutzen, um einen solches Rezept zu empfangen und einzulösen.“ Das
ginge auch mit dem in Deutschland geltenden Datenschutz, wie Elmer ausführte:
„Sonst hätten wir nämlich in Zeiten des Online-Bankings innerhalb kurzer Zeit
kein Geld mehr auf dem Konto.“
Dabei bietet die Digitalisierung Elmer zufolge große
Chancen, die aktuellen Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens zu
lösen. Elmer erläuterte „Auf der einen Seite haben wir es immer noch mit
Überversorgung zu tun, was mit einer nicht intelligenten Allokation von
Ressourcen zu tun hat. Auf der anderen Seite gibt es viele Regionen, in denen
Unterversorgung herrscht. Das betrifft sowohl den ambulanten als auch den
stationären Bereich. Um die Versorgung der älteren Patienten unterversorgter
Regionen sicherzustellen, benötigen wir dringend telemedizinische Lösungen. Das
Instrument des Videokonzils könnte zum Beispiel dazu dienen, medizinische Daten
wie Blutwerte oder Dokumente bildgebender Verfahren schnell auszutauschen und
eine Diagnose mit Handlungsempfehlung zu stellen.“ Für Elmer ist die digitale
Umwandlung des Gesundheitswesens längst kein IT-Problem mehr, sondern
eine Frage des politischen Willens und des gesellschaftlichen Konsenses.
Eine negative Zwischenbilanz der Digitalisierung zog auch
Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandssprecher und Dekan der Universitätsmedizin
Göttingen. Dabei seien die Vorteile von eHealth unabweisbar: „Die Frage, ob der
richtige Patient im richtigen Bett liegt und die passende Therapie erhält, ist
in der universitären Medizin von herausragender Bedeutung. Darüber hinaus sind
wir daran interessiert, Forschung und Lehre miteinander zu verbinden. Der
Forschung geht es beispielsweise darum, Translationsziele zu erreichen und
Studien-Patienten zu gewinnen. In der Lehre wäre digitales Lernen ein
wesentlicher Fortschritt.“
IT-Chaos in Unikliniken
Momentan sei man in einigen Bereichen aber noch nicht einmal
bei Health 1.0 angekommen, wie Kroemer ausführte: „Wenn ein Patient unsere
Klinik nach einer erfolgreichen Behandlung verlässt, hat er im günstigsten Fall
einen Arztbrief auf Papier in seiner Jackentasche. Die Daten werden in der
Regel nicht digital an den niedergelassenen Arzt übermittelt, ganz zu schweigen
von einer Daten-Cloud. In unserer Klinik gibt es kein einheitliches
informationstechnologisches System, sondern ein dreistelliges Sammelsurium
verschiedener elektronischer Systeme. Unter dem Strich haben wir keine
durchgängige IT-Landschaft.“
Kroemer legte den Finger auch noch in eine weitere Wunde:
„Warum haben wir es in unserem hoch technisierten Land nicht geschafft, eine
anspruchsvolle elektronische Patientenkarte mit allen wichtigen Daten
einzuführen?“ Im fragmentierten deutschen Gesundheitssystem habe eben keine
Partei ein wirkliches Interesse daran, Informationen auszutauschen und Daten zu
teilen. Vielmehr seien alle Parteien darauf aus, die Daten im eigenen
Einflussbereich zu halten. „Das ist unser Kernproblem“, so Kroemer, „und ich
glaube auch, dass wir im Rahmen der Selbstverwaltung nur sehr begrenzt in der
Lage sind, dieses Problem zu lösen.“
Allerdings biete das eHealth-Gesetz zum ersten Mal
hoffnungsvolle Perspektiven. Auf der Gesetzgebungsseite sei dieses Gesetz
durchaus bemerkenswert, weil es erstmals auch mit Sanktionen durchgesetzt
werden könne. Obwohl telemedizinische Fernbehandlungen noch nicht erlaubt
seien, bröckele der Widerstand zunehmend. Schon befassten sich die ersten
Krankenkassen mit dem elektronischen Versand von Diagnostikbildern. „Wenn ich
in diesem Bereich etwas zu sagen hätte, würde ich eine deutschlandweit geltende
interoperable Krankenakte einrichten. Wenn die gesamte stationäre
Krankenversorgung in Deutschland mit digitalen Krankenakten hinterlegt wäre,
könnte es sich kein niedergelassener Arzt mehr leisten, kein interoperables
System zu betreiben. Wenn der Gesetzgeber an dieser Stelle eingreifen würde,
hätten wir sehr schnell einen Domino-Effekt, der am Ende wirklich zu einem
Health-4.0-System führen würde“, schloss Kroemer kämpferisch.
Industrie setzt auf eHealth
Bild: Dr. Arthur Kaindl, General Manager Digital Health Services von Siemens Healthcare
Wie weit die Industrie bereits ist, zeigte Dr. Arthur Kaindl (Foto) auf, General Manager Digital Health Services von Siemens Healthcare. Für ihn steht fest: „Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich aufgrund der Digitalisierung der Medizin dramatisch verändert, weil der Patient informierter und selbstbewusster zur Behandlung geht. Bis zum Ende der Dekade werden 25 Mrd. Produkte digital vernetzt sein. Vernetzung aber bedeutet Austausch von Informationen und Innovation. Wenn Sie das verbinden – den souveränen Patienten auf der einen und den Megatrend Digitalisierung auf der anderen Seite –, dann ist Digitalisierung der zentrale Schlüssel ist für die Verbesserung der Qualität, aber auch der Effizienz im Gesundheitswesen“, so Kaindl.
Wie weit die Industrie bereits ist, zeigte Dr. Arthur Kaindl (Foto) auf, General Manager Digital Health Services von Siemens Healthcare. Für ihn steht fest: „Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich aufgrund der Digitalisierung der Medizin dramatisch verändert, weil der Patient informierter und selbstbewusster zur Behandlung geht. Bis zum Ende der Dekade werden 25 Mrd. Produkte digital vernetzt sein. Vernetzung aber bedeutet Austausch von Informationen und Innovation. Wenn Sie das verbinden – den souveränen Patienten auf der einen und den Megatrend Digitalisierung auf der anderen Seite –, dann ist Digitalisierung der zentrale Schlüssel ist für die Verbesserung der Qualität, aber auch der Effizienz im Gesundheitswesen“, so Kaindl.
Am Beispiel der Medx-Plattform zeigte Kaindl, wie Ärzte bei
der Diagnose digital unterstützt werden können. Medx enthält Symptome und
Differenzialdiagnosen, empfiehlt Handlungen und erkennt seltene Erkrankungen
frühzeitig. Medx sammelt mithilfe von Abfragen Informationen und erstellt einen
Vorschlag für eine Diagnose, so Kaindl. Medx übernimmt also zwei Aufgaben: Die
Plattform sammelt Informationen aus dem Internet und vermittelt einen Kontakt
zum behandelnden Arzt.
ImagineCare von Dartmouth-Hitchcock Health System ist eine
mobile Gesundheitsplattform für die personalisierte Versorgung. Die Plattform
erlaubt laut Kaindl eine „360-Grad-Sicht“ auf den Patienten durch
evidenzbasierte Behandlungspfade und nutzt Daten aus Wearables und
Heimsensoren. Siemens Healthcare erforscht außerdem in Kooperation mit NEO New
Oncology das Potenzial blutbasierter Biomarker zur Diagnose von Tumoren ohne Gewebebiopsie. Es geht um
zielgerichtete Vorschläge für individuelle Krebstherapien.
Bild: Harald Kuhne,
Ministerialdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Was aber kann die Politik tun, um die Digitalisierung Realität in Praxen und Kliniken werden zu lassen? Harald Kuhne, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, befasste sich auf dem Hauptstadtkongress mit den digitalen Handlungsfeldern für die Politik. Health 4.0 bietet seinen Worten zufolge großes Optimierungspotenzial für das Gesundheitswesen. Vier Aspekte führte Kuhne dazu an:
Was aber kann die Politik tun, um die Digitalisierung Realität in Praxen und Kliniken werden zu lassen? Harald Kuhne, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, befasste sich auf dem Hauptstadtkongress mit den digitalen Handlungsfeldern für die Politik. Health 4.0 bietet seinen Worten zufolge großes Optimierungspotenzial für das Gesundheitswesen. Vier Aspekte führte Kuhne dazu an:
- Beschleunigung: Arzttermine via Smartphone-App, schnellere Diagnose durch die ePatientenakte.
- Vereinfachung: Kauf der Medikamente via eRezept; Datenerhebung in klinischen Studien durch Apps.
- Qualitätssteigerung: präzisere Therapien und Früherkennung sowie eine optimierte Prävention durch Analyse von Big Data.
- Kostensenkung: Online-Konsultation statt Arztbesuch.
Analoge Gräben lassen sich auch digital kaum überwinden
Aber auch Kuhne beschrieb die hohen Hürden auf dem Weg zum
digitalen Gesundheitswesen. „Kann Digitalisierung die fehlende Vernetzung in
der analogen Welt überbrücken? Was in der analogen Welt nicht funktioniert,
wird in einem in Sektoren aufgespaltenen Gesundheitssystem nicht allein deshalb
funktionieren, weil wir es digital organisieren“, erklärte Kuhne skeptisch. Die
elektronische Patientenakte und das elektronische Rezept würden nicht
akzeptiert bzw. praktiziert, solange die Sektorengrenzen unüberwindbar
schienen. Allerdings könnte das eHealth-Gesetz eine Wende einleiten, weil es
Druck ausübe und Sanktionen verhänge. Ein gravierendes Problem seien
Abrechnungsregeln für telemedizinische Leistungen. Letzteres fürchte der
Bundesgesundheitsminister natürlich mehr als der Teufel das Weihwasser, aber
auf die Dauer werde man nicht darum herumkommen. Die Krankenkassen sah der
Ministerialdirektor übrigens besonders in der Pflicht, sich an digitalen
Projekten in der Medizin zu beteiligen.
(Autor: Franz-Günter Runkel/08.10.2016)
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