Freitag, 21. Oktober 2016

Selektivvertrag Urologie in Baden-Württemberg macht PSA-Bestimmung zur GKV-Leistung



Rund 200 Urologen nehmen am Facharztvertrag Urologie in Baden-Württemberg teil, der am 4. Oktober in Kraft getreten ist. Der Selektivvertrag nach § 140a SGB V gilt für alle urologischen Patienten der AOK und der BKK Bosch. Der Urologe erhält für die PSA-Bestimmung eine Zusatzpauschale von zwei Euro sowie eine erhöhte Vorsorge-Pauschale von rund 20 Euro. Es handelt sich um den bundesweit ersten Fall, dass die PSA-Messung in bestimmten Fällen und abhängig von einer Vorsorgeberatung zur GKV-Leistung wird. ­Einige Urologen mit hohem IGeL-Vorsorge-Anteil sehen es kritisch.

Auf Seiten der Urologie sind der Berufsverband sowie die Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Urologen (AGNU) Vertragspartner. Als ärztliche Dachorganisation wirkte der MEDI-Verbund in Baden-Württemberg mit Werner Baumgärtner an der Spitze mit. Am 13. Juni begann für den Facharztvertrag Urologie in Baden-Württemberg das Unterschriftenverfahren. Der urologische Selektivvertrag ist in Baden-Württemberg die insgesamt fünfte Regelung seit 2010 nach den Verträgen für Kardiologie, Gastroenterologie, Psychiatrie-Neurologie-Psychotherapie und Orthopädie bzw. Chirurgie.

Quorum der Vertrags­teilnehmer ist übererfüllt

Die Historie der Selektivverträge begann mit den Hausarztverträgen nach § 73b SGB V sowie den Facharztver­trägen nach § 73c SGB V. Im Rahmen des Gesundheitsstrukturgesetzes hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe bzw. der Bundestag die gesetz­liche Grundlage verändert. Seitdem werden diese Verträge nach § 140a SGB V im Zuge des Ge­sund­heitsstruk­tur­gesetzes abgeschlossen. Im Prinzip sind die rechtlichen Regelungen identisch, aber der Staat hat nach § 140a SGB V eine theoretisch größere steuernde Einflussmöglichkeit. Wie Dr. Markus Ksoll, BDU-Landesvorsitzender in Würt­temberg, im Gespräch mit UroForum erklärte, werden rund 200 Urologen am Vertrag teilnehmen. Damit ist das Quorum von 150 Teilnehmern erfüllt.

               Grunddaten Facharztvertrag

Vertragsbeginn: 4. Oktober 2016,
Laufzeit Kassen: fünf Jahre, ­optional zehn Jahre,
Kündigungsfrist Urologen:
drei Monate,
Grundpauschale: 25 Euro,
Überweisungszuschlag: 5 Euro,
Fallwert pro Patient: rund 73 Euro,
Zuschläge für: Psychosomatik, Röntgen, Abdomen-Sonografie,
Duplex Sonografie und rationale ­medikamentöse Therapie,
Vergleich KV-Fallwert: plus 30 %,
Gesamtvergütung ohne Obergrenze.

Markus Ksoll zu diesem Vertrag: „Es ist eine zukunftsweisende vertragliche Regelung, die sowohl den Patienten als auch den Urologen etwas Konkretes bringt. Insofern sind wir mit dem Facharztvertrag zufrieden. Viele Urologen haben noch Probleme mit der PSA-Regelung, weil die individuelle Gesundheitsleistung PSA-Bestimmung eine Art heilige Kuh der Urologie ist. Es geht aber nur um den PSA-Wert, sodass alle anderen individuellen Gesundheitsleistungen in der Vorsorge und anderswo auch in Zukunft uneingeschränkt möglich sein werden.“

Die PSA-Vertragsregelung orientiert sich an der S3-Leitlinie der Urologen. Die AOK zahlt nur, wenn die PSA-Bestimmung zu diesem Zeitpunkt von der S3-Leitlinie empfohlen wird, so Ksoll. In allen anderen Fällen muss der Patient wie gehabt die Wunschleistung PSA als Privatleistung bezahlen. „Wir Urologen erhalten dafür pro Patient eine Zusatzpauschale von zwei Euro. Die Vorsorge, die im GKV-Bereich mit 14,50 € honoriert wird, ergibt jetzt für AOK und BKK Bosch rund 20 Euro“, beziffert Markus Ksoll den Ertrag. Damit aber ist die PSA-Bestimmung laut S3-Leitlinie für AOK- und BKK-Bosch-Patienten eine regionale Kassenleistung geworden. Die GKV-Leistung PSA ist allerdings nur für Urologen mit durchschnittlicher IGeL-Quote bei der PSA-Bestimmung interessant

Die Vertragsverhandlungen zogen sich sehr in die Länge und standen mehr als einmal kurz vor dem Abbruch, weil das komplexe Geflecht aus Grundpauschalen und Einzelleistungen in der Urologie schwer verhandelbar ist. Daher beziffert MEDI die Vertragskosten bis zum Inkrafttreten auch auf etwa eine Million Euro. 

Problemfall Zystoskopie

Für die finanzielle Bewertung der Zystoskopie zum Beispiel ist eine Fülle von Hygienevorschriften zu beachten. „Es geht nicht nur um die ärztliche Leistung, sondern auch um die aufwändige Sterilisierung der Geräte. Die männliche Zystoskopie war im KV-System mit rund 45 Euro honoriert. Im Selektivvertrag ist sie jetzt mit 90 Euro bewertet, also verdoppelt. Die weibliche Zystoskopie kostete im KV-System 25 Euro und erbringt jetzt fast die doppelte Summe: 45 Euro. Bei der Prostata-Biopsie sieht es ähnlich aus“, beschreibt Markus Ksoll die neue Regelung. 

Der AOK kam es auf die Ausweitung der Gesprächsleistungen bei schweren Erkrankungen an. „Jetzt gibt es eine Staffelungsregelung. Es gibt sogenannte Beratungsgespräche, die einen Preiswert von 15 Euro haben und die mit 17 Euro pro Zehn-Minuten-Einheit vergütet werden. Je nach Schwere der Erkrankung kann ich eine bestimmte Anzahl von Gesprächseinheiten pro Jahr abrechnen. Bei einer bösartigen Erkrankung sind es zum Beispiel sechs Gespräche zwischen 40 und 60 Minuten im Jahr. Bei Metastasierung, also in einer palliativen Situation, sind zusätzlich drei Gespräche abrechenbar. Unter dem Strich macht das neun Gespräche pro Jahr. Eine BPH erlaubt zwei Beratungsgespräche zu je zehn Minuten jährlich. In der Sache bedeutet es, dass man sich für Krebspatienten mehr Zeit nehmen kann und nicht nur Apparatemedizin betreibt“, erklärt der BDU-Landesvorsitzende.

Natürlich sei es eine leistungsbezo­gene Honorierung, die von der Zusatzweiterbildung und der Erbringung der ambulanten Chemotherapie in der Praxis abhängig sei. Noch einen Punkt fügt Ksoll an: Die Pauschalen gemäß Onkologievereinbarung werden als Vorhaltepauschalen weiter vergütet und um eine Pauschale für die orale medikamentöse Tumortherapie in Höhe von 25 Euro erweitert.

Katheterwechsel im ­Altenheim plus Hausbesuch

Für den Katheterwechsel im Altenheim steht eine Katheterwechselpauschale von 35 Euro pro Patient im Vertrag. Außerdem gibt es eine zusätzliche Pauschale für Hausbesuche in Höhe von 15 Euro pro Patient. Dabei kann jeder Besuch einzeln abgerechnet werden. Wenn ein Urologe im Caritas-Heim zehn Katheter wechselt, erhält er also 500 Euro dafür.Ein zweites Thema in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Urologische EFA“, also eine fachlich besonders qualifizierte Arzthelferin. Die beiden Krankenkassen wollen beim ersten Beratungsgespräch im Jahr einen Zuschlag von fünf Euro bezahlen. Außerdem soll es einen Grundpauschalen-Zuschlag von fünf Euro geben. „Dieses Thema wird derzeit noch mit den Kassen verhandelt. Ich bin der Auffassung, dass eine Mitarbeiterin, die zehn Jahre in einer urologischen Praxis arbeitet, kein Zertifikat und kein Curriculum benötigt. Sie beherrscht den Katheterwechsel. Wenn eine solche EFA einen Hausbesuch übernimmt, dann kann der Hausbesuch unter der Supervision eines Urologen abgerechnet werden“, sagt Ksoll. Derzeit sei die Regelung aber noch nicht in Kraft, sodass der persönliche Hausbesuch des Urologen noch Voraussetzung für die Abrechnung ist. Die zweite und dritte ESWL bei komplexen Harnleitersteinen war bislang ein Problem und schwer abzurechnen. Jetzt sind laut Ksoll im Krankheitsfall für beide Seiten insgesamt sechs Behandlungen pro Urolithiasis möglich.

Splittingregel für konventionelles und digitales Röntgen

Für die Röntgendiagnostik im Sinne der Teilgebietsradiologie sieht der Vertrag eine interessante Splittingregelung vor: Das konventionelle Röntgen mit in der Regel älteren Geräten wird nur noch mit 1,50 Euro pro Fall pauschal vergütet,  während das moderne digitale Röntgen 2,50 Euro erbringt. Ksolls Standpunkt dazu: „Immerhin verfügen noch 40 % aller Urologen über ein eigenes Röntgengerät und bieten die Teilradiologie an. Kein Urologe hätte das unterschrieben, wenn nicht die Möglichkeit bestanden hätte, den Betrieb eines solchen Gerätes über eine Pauschale zu finanzieren. Das Röntgen ist ein Serviceangebot und die jetzige Honorarregelung wird sicher nicht dazu führen, dass wieder mehr Urologen neue Röntgengeräte kaufen“. Trotzdem setzt der Selektivvertrag auch in der Medizintechnik innovative Reize, die Praxisinvestitionen zumindest erwägenswert machen. 
Autor: Franz-Günter Runkel / 21.10.2016

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