Freitag, 16. September 2016

DGU im Interview: Stärken und Schwächen der urologischen Forschung


Über Stärken und Schwächen der deutschen urologischen Forschung sprach UroForum mit den Verbandsspitzen der DGU-Forschungsförderung. Rede und Antwort standen Prof. Maximilian Burger, Leiter des DGU-Ressorts ­Forschungsförderung, Dr. Christoph Becker, Forschungskoordinator der DGU, Dr. Stefanie Schmidt, UroEvidence-Referentin im DGU-Hauptstadtbüro, ­sowie Dr. Hendrik Borgmann, Vorsitzender von GeSRU Academics, und der GeSRU-Vorsitzende Dr. Johannes Salem.

Herr Prof. Burger, sehen Sie ­signifikante Schwächen in der ­nationalen Forschungsstruktur?
Burger: Klar, die haben wir. Und das sind in erster Linie die strukturellen Probleme der deutschen Universitätslandschaft, also der eher starre Finanzierungsrahmen, unflexible Vergütungsstrukturen für hauptberufliche Forscher, starre Trennungen von Industrie und Universität. In der Urologie ist es nach meiner Wahrnehmung auch die Einbettung der Naturwissenschaftler in die Kliniken – hier arbeiten teilweise zwei Welten nebeneinander her. Eine ausbaufähige Vernetzung der Gruppen untereinander fällt schwer. Aber genau hier greifen wir an. Beispielsweise ­wurden seit 2010 über 20 junge Urologen mit Ferdinand-Eisenberger-For­schungs­stipendien gefördert. Die Publikationen aus den Projekten erzielten rund 500 Impact-Punkte und die Stipendiaten warben beeindruckende 10 Mio. Euro externe Forschungsmittel ein. Zudem stimmen viele harte Faktoren! Wir haben eine der größten und aktivsten Fachgesellschaf­ten mit dem weltweit drittgrößten Kon­gress sowie auch international sicht­bare Gruppen. Und Deutschland steht be­zogen auf die Zahl der Forschungs-verbünde zu urologischen Krank­heitsentitäten an führender Position in Europa.

Salem: Die nationale Forschungsstruktur ist gerade für Nachwuchsforscher stark an die eigene Klinik gebunden. Eine Vernetzung zu anderen Kooperationspartnern im gleichen Forschungsfeld wird dadurch erschwert und die zunehmend wichtigere institutionsübergreifende Forschung fällt schwerer. Außerdem können mögliche Synergien durch Vernetzung nicht zustande kommen. Kreativer Austausch und Motivation könnten optimaler gefördert werden. Die bestehenden Netzwerke sind häufig erst etablierten Forschern zugänglich, wobei gerade die Hürden zu Beginn der Forscherlaufbahn hoch sind. Daher ist es wichtig, den Nachwuchs optimal einzubinden und zu fördern.

Warum konnte die „Generation Y“ bisher so selten für die Forschung gewonnen werden?
Salem: Die „Generation Y“ ist an einem balancierten Verhältnis zwischen ­Arbeit und Privatleben interessiert. Gleichzeitig ist gerade die Arbeitsbelastung in Unikliniken sehr hoch und die reine Patientenversorgung erfordert oft schon einen Zwölf-Stunden-Tag. Danach beginnt meist erst die Zeit für die Forschung. Viele sind nicht mehr gewillt, ihr komplettes Leben auf die Arbeit auszurichten und Familie und Freunde sowie sich selbst kompromisslos zu vernachlässigen. Am Beispiel des urologischen Nachwuchswissenschaftler-Netzwerks GeSRU Academics sieht man jedoch, dass grundsätzlich Interesse an der Forschung besteht. Leider fehlt vielen Motivierten schlicht die Zeit und Unterstützung für ambitionierte Forschung.

Wie weit ist das GeSRU-Academics-Konzept der vernetzten Forschungsförderung bereits gediehen?
Borgmann: Die GeSRU Academics vernetzen über 100 Nachwuchswissenschaftler in 14 Arbeitsgruppen in einem lebendigen Netzwerk. Durch vier Präsenztreffen pro Jahr und monatliche Skype-Konferenzen ist die Aktivität in den Gruppen hoch, sodass bereits 48 Projekte laufen. Das Spektrum reicht von systematischen Übersichtsarbeiten über retrospektive Multicenterstudien bis zu randomisierten kli­nischen Studien. Von Beginn an sind DGU, die Arbeitsgruppe urologische Forschung (AuF) und UroEvidence daher unsere wichtigsten Partner.

Wie beurteilen Sie die Erfolge der AuF beim Aufbau von Forschungsnetzwerken und der individuellen Förderung junger Forscher?
Becker: Sehr hoch. Bei der individuellen Förderung von Nachwuchsforschern sehe ich natürlich an erster Stelle das Ferdinand-Eisenberger-Stipendienprogramm der DGU. Mit dieser äußerst erfolgreichen Maßnahme fördert die Fachgesellschaft jedes Jahr interessierte und talentierte junge Urologen für ein Forschungsjahr. Die jungen Forscher werden dabei von ihren klinischen Verpflichtungen befreit. Der Benefit ist dabei nicht nur auf ­Publikationsleistungen und Drittmit­teleinwerbungen beschränkt, sondern das Programm fördert auch die akademisch-klinischen Karrieren der Stipendiaten und setzt strukturelle Impulse für die beteiligten Heimatkliniken. Daneben regt die AuF mit allgemeinen und individuellen Förder- und Antragsberatungen, ihren subventionierten Workshop-Programmen sowie dem AuF-Symposium junge Forscher zu Forschungsprojekten, Weiterbildung und wissenschaftlichem Austausch an. Schließlich ist es eine Kernaufgabe der AuF, krankheitsbezogen forschende Netzwerke in der Urologie zu unterstützen. Nicht zuletzt wurde das AuF-Symposium 2014 exklusiv der Arbeit dieser Netzwerke gewidmet. Die AuF hilft darüber hinaus auch bei der Initiierung neuer Verbünde. Ein Beispiel ist das 2015 gegründete BRIDGE-Consortium (Bladder Cancer Research Initiative for Drug Targets Germany). Von Beginn an unterstützt die AuF zudem die großartige Arbeit der GeSRU Academics.

Wie viele urologische Studien ­konnten bereits WHO-konform im DRKS akkreditiert werden?
Becker: Nach fünfjährigem Betrieb sind im Urologischen Studienregister über 480 urologische Studien regis­triert, was für uns eine sehr erfreuliche Akzeptanz dieser Einrichtung bedeutet. Die Vorteile unseres fachspezifischen Studienregisters liegen auch auf der Hand: Das in Partnerschaft mit dem deutschen Primärregister der WHO, dem Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) in Freiburg und der Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie (AUO) der Deutschen Krebsgesellschaft betriebene Urologische Studienregister erhöht die Sichtbarkeit von urologischen Studien, erleichtert die Recherche und verbessert die Rekrutierung. Es listet WHO-konform in Deutschland initiierte oder an deutschen Kliniken und Praxen durchgeführte urolo­gische Studien auf, transparent für Ärzte, Patienten, Studienzentren und Sponsoren übersichtlich und nach Krankheitsentitäten geordnet auf. Dabei  ist das Urologische Studien­register gleichberechtigt zum Beispiel mit dem amerikanischen Register Clinical­Trials.gov und findet sich auch im WHO-Metaregister ICTRP wieder.

Wie beurteilen Sie die ­Resonanz der UroEvidence-Angebote?
Schmidt: Die Resonanz auf UroEvidence ist durchweg positiv. Wir erhalten zunehmend Anfragen mit der Bitte um methodische Unterstützung zu konkreten Projektideen. Dementsprechend haben sich auch die Arbeitsinhalte von UroEvidence im Laufe der Zeit gewandelt. So ist die ursprüngliche Idee der Synthese von Information mittels sogenannter systematischer Übersichtsarbeiten ergänzt worden durch einen weiteren Schwerpunkt, nämlich die Leitlinienarbeit. Konkret unterstützt UroEvidence Leitliniengruppen bei der Suche, Erstellung und Be­wertung der aktuellen Evidenz. Man kann also sagen, dass die Ergebnisse von UroEvidence mittlerweile verstärkt direkten Einfluss auf die Patientenversorgung haben. Diese po­sitive Resonanz macht sich auch personell bemerkbar, sodass wir mittlerweile unser Team immer wieder projektbe­zogen erweitern und unsere Strukturen profes­sionalisieren.

Warum ist Forschungsförderung im gesundheitspolitischen Umfeld so entscheidend?
Burger: Einmal wegen einer der ökonomischen Situation vieler Kliniken und Fakultäten, die kaum noch Freiraum für zunächst „unökonomische“ Forschungszeiten erlaubt. Hier muss man aber die langfristige Sicherung der Konkurrenzfähigkeit im Auge haben, die nur mit Entwicklung zu gewährleisten ist. Und auch eine spezifische Stärke der urologischen Forschung in Deutschland ist wichtig, nämlich der recht große Bezug zur Patientenversorgung. Man arbeitet hier an konkreten praktischen Verbesserungen von Diagnostik und Therapie. Das erwartet die Politik von einer Fachgruppe und hier haben wir gute Argumente, umstrittene Felder wie beispielsweise die Uro-Onkologie für uns zu erhalten.   
(Autor: Franz-Günter Runkel)

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