Dienstag, 20. September 2016

IQUO-Kongress 2016: Qualität in der Versorgung am Limit


Im Rahmen des 6. Kongresses des Interessenverbands zur Qualitätssicherung der Arbeit niedergelassener Uro-Onkologen in Deutschland (IQUO) diskutierte der Verbandsvorsitzende Dr. Götz Geiges mit dem Leiter des neuen Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG), Dr. Christof Veit, über die Rolle der ambulanten Onkologie im zukünftigen Gesundheitswesen.

Geiges (Foto links) wies in der Diskussion darauf hin, dass der IQUO-Verband aus der Motivation entstanden sei, Qualität zu messen, zu definieren und zu verbessern. „Wenn ich abends nach Hause gehe, habe ich aber heute oft nicht mehr das Gefühl, gute Medizin gemacht zu haben“, räumte Geiges ein. Veit sprach im Gegenzug eher die Qualitätsunterschiede im System als Problem an: „Wir wissen, dass es sehr gute, aber auch weniger gute Ärzte gibt. Wir wissen, dass es in der Pharmaindustrie sehr gute Aktivitäten, aber auch übersteigerte Profiterwartungen gibt. In der medizinischen Versorgung geht es um eine kritische Bilanz. Aus der stationären Versorgung kann ich gruselige Dinge erzählen. Dem IQTIG geht es darum, an dieser Stelle etwas zu ändern“, so Veit (Foto Mitte).

Ambulante und stationäre Versorgung besser verzahnen

Aus IQUO-Sicht sollte der Fokus eher darauf liegen, die ambulante onkologische Versorgung zu stärken, die oft als nutzloser Appendix der stationären Versorgung gesehen werde, wie Geiges darlegte: „Die Erreichbarkeit der medizinischen Versorgung könnte in Zukunft ein Problem sein, weil sich die Struktur doch mehr und mehr in Richtung des Krankenhauses entwickelt.“

In diesem Punkt rannte der IQUO-Vorsitzende bei Veit offene Türen ein: „Die Verzahnung zwischen stationärer und ambulanter Medizin macht doch den größten Sinn“, stellte Veit klar. Statt eines Kampfs der Sektoren gegeneinander sollte aus Veits Sicht eher eine Diskussion über das beste Miteinander der Versorgungselemente in Gang kommen. „Die gewachsene Bedeutung der Qualität könnte ja dazu führen, dass ambulante Versorgungsmodelle in Kooperation mit Krankenhäusern gezielt gefördert werden, weil dort wirklich eine gute Versorgung erreicht wird. Diese Modelle sind gefragt“, glaubt Veit. Diese Arbeit an der gemeinsamen Struktur wäre eine hervorragende Aufgabe für die Bundesärztekammer, so Veit. Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung sei ein guter Ansatz für ein solches gutes Versorgungsmodell.

Qualitätswerbung statt wirtschaftlicher Lobbyismus

Statt wirtschaftlicher Lobbytätigkeit empfahl Veit dem IQUO und dem Berufsverband niedergelassener Gynäkologischer Onkologen (BNGO) eine positive Positionierung des eigenen Qualitätsbeitrags in der Öffentlichkeit. „Intern können Sie natürlich diskutieren, wie Sie wirtschaftliche Existenz sichern und berufliche Zukunft gestalten wollen. Diese ökonomische Diskussion dürfen Sie aber nicht nach außen tragen. Nach außen müssen Sie Ihren Qualitätsbeitrag zur Versorgung definieren und bekannt machen. Das muss Ihre Strategie sein“, riet Veit.

„Wir sind in der Qualität sicher schon am Limit“

Geiges blickte auf 16 Jahre ambulante Tätigkeit zurück und fand den Veitschen Ansatz etwas naiv. „Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass die Gesellschaft dazu bereit ist. Vielmehr hat die Gesellschaft die Qualitätsverbesserungen umsonst mitgenommen, ohne immaterielle und materielle Wertschätzung zurückzugeben. Da kam gar nichts zurück. Ich persönlich glaube nicht, dass wir uns noch mehr anstrengen und noch mehr Qualität produzieren können. Wir sind in der Qualität sicher schon am Limit“, stellte Geiges fest. Die einzige mögliche Strategie sei der Streik. Vor 15 Jahren hätten es die Franzosen geschafft, dass Ärzte und Patienten Arm in Arm auf die Straße gegangen seien, um für eine bessere Versorgung zu demonstrieren.

„Was denken Sie über einen Ärzte-Streik?“, fragte Geiges direkt. Veit zeigte sich betroffen: „Um Gottes willen. Das wäre das Falscheste, das Sie tun können, denn dann machen Sie deutlich, dass Sie die Versorgung der Patienten wegen ihrer eigenen materiellen Interessen vernachlässigen. Sie müssen sich fragen, ob Sie als ambulant tätige Onkologen durch Krankenhäuser ersetzbar sind oder nicht. Wenn Sie davon überzeugt sind, dass eine solche Entwicklung zu einem Qualitätsmangel führen wird, dann sollten Sie das Spezifische herausarbeiten und in der Öffentlichkeit klarmachen. Die ambulante onkologische Versorgung ist unverzichtbar – das muss die Botschaft sein“, forderte Veit. Im Gegenzug reagierte Geiges sehr skeptisch.

Die Diskussion zeigte, wie tief mitt­lerweile die Gräben zwischen Ärzteschaft und Politik bzw. politischen ­Institutionen sind.   
(Autor: Franz-Günter Runkel)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen